Lange galt das Spielen an mehreren Tischen gleichzeitig als eine der Grundlagen für eine stabile und langfristig erfolgreiche Pokerkarriere. Mehr Volumen, mehr Hände, mehr Turniere – und damit theoretisch auch eine größere Chance, sich langfristig dem eigenen EV anzunähern.
Im Jahr 2026 stellen jedoch immer mehr Spieler genau diese Annahme infrage. Denn Multi-Tabling kann, vor allem in extremer Form, die eigene Performance spürbar verschlechtern. Carlos “perdigg”, auch bekannt als Perdi | Rendimiento & Anti-Humo, brachte es auf X (Twitter) besonders deutlich auf den Punkt:
Mehr Tische sind nicht mehr EV. Sie sind mehr mittelmäßige Entscheidungen pro Stunde.
Carlos “perdigg”
Warum Multi-Tabling zum Standard wurde
Ein Blick in einen beliebigen Varianzrechner reicht aus, um das Grundprinzip zu verstehen: Je größer das gespielte Volumen, desto weniger stark schlägt die Varianz ins Gewicht. Anders gesagt: Je mehr man spielt, desto näher sollten die kumulierten Ergebnisse langfristig am erwarteten EV liegen.
Als Live-Poker noch die einzige Option war, erforderte ein solches Volumen allerdings enorm viel Zeit. Spieler konnten schließlich nicht gleichzeitig an mehreren Turnieren oder Cash-Game-Tischen sitzen.
Mit dem Aufstieg des Online-Pokers änderte sich das grundlegend. Plötzlich war es möglich, so viele Tische parallel zu spielen, wie Bankroll, Software und Konzentration zuließen.
Für Einsteiger wurden auch Free-Poker-Formate zu einem naheliegenden Trainingsfeld: Man konnte lernen, mehrere Tische gleichzeitig zu verfolgen, ohne echtes Geld zu riskieren.
Selbst dort, wo Pokerrooms die Anzahl der geöffneten Tische begrenzten – meist aufgrund technischer Einschränkungen der eigenen Software –, ermöglichte Multi-Tabling ein Jahresvolumen, für das frühere Generationen von Grindern Jahrzehnte gebraucht hätten.
Auch die Anbieter erkannten schnell, wie profitabel dieses Modell für sie war. Denn jede gespielte Hand und jedes Spiel bedeutete zusätzliche Rake beziehungsweise Gebühren.
Die Folge waren Loyalty-Programme und Promotions, die gezielt auf Multi-Table-Grinder zugeschnitten waren. Viele dieser Modelle wurden später wieder reduziert oder abgeschafft, weil zu viele volumenorientierte Grinder die Incentives für die Rooms unrentabel machten. Dennoch unterstützen zahlreiche Anbieter High-Volume-Spieler bis heute in irgendeiner Form – vor allem über Leaderboards und Cashback-Programme.
Wann Multi-Tabling zur Minus-EV-Entscheidung wird
Natürlich ist das Spielen an mehreren Tischen gleichzeitig nicht für jeden Spieler automatisch profitabel. Aber woran liegt das?
Carlos erläuterte seine Sichtweise in einem Beitrag auf Substack. Dort argumentiert er, dass das Spielen von 10 oder mehr Tischen gleichzeitig die Fehlerquote erhöht, weil Spieler dabei häufiger:
- folden und den Timebank nutzen;
- nach schlechten Calls tilten oder frustriert werden;
- unter mentalem Stress stehen und dauerhaft nur ihr B-Game oder schlechter abrufen;
- Sessions wegen Erschöpfung früher beenden.
Multi-Tabling ist letztlich eine Form von Multitasking: Es teilt die Aufmerksamkeit auf und erhöht den mentalen Druck.
Wer gestresst ist, kommt schwerer „in the zone“ – also in einen Zustand maximaler Konzentration, klarer Entscheidungsfindung und stabilen Flows während der Session. Statt A-Game entsteht oft nur noch ein ständiges Reagieren, weil das Gehirn parallel mehrere Situationen verarbeiten und die Aufmerksamkeit permanent zwischen den Tischen verschieben muss.
Carlos kritisiert vor allem, dass viele Spieler ihren EV pro Stunde bewerten, aber die kognitive Ermüdung dahinter kaum berücksichtigen.

Auch wissenschaftliche Erkenntnisse stützen diese Einschätzung zumindest teilweise. Die von der American Psychological Association veröffentlichte Studie “Multitasking: Switching costs” zeigt, dass das gleichzeitige Bearbeiten mehrerer Aufgaben mentale „Switching Costs“ verursacht. Diese verlangsamen kognitive Prozesse und erhöhen zugleich die Fehleranfälligkeit bei jeder weiteren Entscheidung.
Interessanter Nebenaspekt: Laut der Vergleichsstudie “Multitasking in adults with ADHD” verändert ADHS im Erwachsenenalter zwar nicht grundsätzlich das Ergebnis beim Aufgabenwechsel, kann in einer nicht-interleaving Bedingung aber mit besserer Stimmung und höherer Motivation verbunden sein als bei Personen ohne ADHS.
Wie viele Tische sind genug?
Die Antwort hängt im Wesentlichen von drei Faktoren ab, die jeder Spieler prüfen sollte, bevor er sein Volumen erhöht.
- Spieltyp: Manche Formate sind darauf ausgelegt, nur über sehr hohes Volumen profitabel zu werden. Bei Spin&Go-Spielern stammt ein sehr großer Teil des Winrates beispielsweise aus Rakeback und Leaderboards.
- Neigung zum Overthinking: Wer zwischen den Händen ständig vergangene Entscheidungen analysiert und dadurch immer wieder ins Zweifeln kommt, sollte möglicherweise zuerst am Mindset arbeiten, bevor er mehr Tische öffnet.
- Persönliche optimale Tischanzahl: Konzentration und mentale Belastbarkeit sind individuell verschieden. Nicht jeder kann Aufmerksamkeit gleich lange oder gleich effektiv auf mehrere Aufgaben verteilen.
Unter Berücksichtigung dieser Punkte lässt sich die ideale Anzahl an parallelen Tischen nur durch praktische Tests bestimmen. Der einfachste Weg: Während der Session schrittweise weitere Tische hinzufügen. Sobald Konzentration oder Komfort spürbar an ihre Grenze kommen, sollte man die Anzahl wieder um ein oder zwei Tische reduzieren.