Die World Series of Poker ist 2026 zu ESPN zurückgekehrt. Der erhoffte große Neustart im klassischen Sportfernsehen blieb bislang jedoch aus. Die ersten Zuschauerzahlen fielen überraschend niedrig aus, ESPN selbst machte kaum Werbung für die WSOP, und selbst für interessierte Pokerfans ist nicht immer leicht zu erkennen, auf welchem Kanal welche Inhalte laufen.
Hinzu kommt ein ungewöhnlicher Aufbau der ausgestrahlten Main-Event-Episoden. Mehrere Faktoren könnten deshalb erklären, warum die Rückkehr bislang deutlich weniger Aufmerksamkeit erzeugt hat, als sich viele in der Poker-Community erhofft hatten.
Zum Auftakt blieben die Zuschauerzahlen überschaubar
Die ersten beiden WSOP-Ausgaben wurden am 21. Juli 2026 in der Statistik von Programming Insider lediglich unter der Bezeichnung „Poker“ geführt. Die Zahlen aus dieser Übersicht zeigen einen verhaltenen Start.
Episode eins erreichte 176.000 Zuschauer und kam im Vergleich mit den parallel auf anderen Sendern laufenden Programmen auf Platz 105. Für die zweite Folge wurden 186.000 Zuschauer gemessen, was Rang 95 bedeutete.

Für ein Angebot hinter einer Bezahlschranke erscheinen sechsstellige Zuschauerzahlen zunächst nicht zwingend schlecht. Die WSOP lässt sich schließlich nicht ohne ESPN-Abonnement verfolgen. Gemessen an der gesamten ESPN-Reichweite von schätzungsweise mehr als 10 Millionen Menschen in den USA und den Ergebnissen anderer Sportübertragungen fallen die Werte dennoch relativ niedrig aus.
Dabei lief die WSOP nicht ausschließlich auf dem ESPN-Hauptkanal. Die Übertragungen wurden zwischen ESPN2 und ESPN+ aufgeteilt.
Auch die Zuschauerzahlen selbst sind nicht als exakte Anzahl einzelner Personen zu verstehen. ESPN arbeitet mit Durchschnittswerten, die aus einer Stichprobe von Zuschauerdaten hochgerechnet werden.
Für den bislang ausgebliebenen Poker-Boom nach der TV-Rückkehr lassen sich mindestens fünf mögliche Erklärungen finden.
Neun Jahre ohne WSOP bei ESPN hinterlassen Spuren
Seit 2017 war die World Series of Poker nicht mehr bei ESPN zu sehen. Ein Teil der Berichterstattung wanderte zunächst zu YouTube und PokerGO, wo Videos sowohl kostenlos als auch über ein Abonnement angeboten wurden. Später wurde die Serie beim CBS Sports Network gezeigt, erreichte dort jedoch kein besonders großes Publikum.
Über weite Teile ihrer Geschichte war die WSOP eng mit ESPN verbunden. Nach neun vollständigen Jahren ohne diese Partnerschaft kann deshalb kaum vorausgesetzt werden, dass heutige ESPN-Zuschauer die World Series noch automatisch als Teil des Programms wahrnehmen.
Gleichzeitig ist in dieser Zeit eine komplette Generation potenzieller Pokerfans herangewachsen, die Poker nie wirklich als regelmäßiges Sportformat im Fernsehen erlebt hat.
Von ESPN selbst kam in den sozialen Netzwerken kaum Werbung
Auf der ESPN-Website erschienen zwar einige Artikel zur WSOP, und über die Social-Media-Kanäle der World Series wurden die Streams intensiv beworben. Auf den reichweitenstarken Accounts von ESPN selbst war von der Rückkehr dagegen kaum etwas zu sehen.
Der wichtigste X-/Twitter-Account von ESPN hat 58,5 Millionen Follower. Ankündigungen und Videoclips kommen dort regelmäßig auf Hunderttausende oder sogar Millionen Aufrufe. Die WSOP wurde auf diesem Account allerdings seit 2017 nicht mehr erwähnt.

Nicht anders sieht es beim offiziellen Instagram-Account von ESPN mit 28,5 Millionen Followern aus. Auch dort spielt die WSOP offenbar keine Rolle.

Dasselbe Muster zeigt sich auf den übrigen Social-Media-Kanälen. ESPN scheint die Rückkehr der World Series nicht gezielt beworben zu haben. Damit dürften viele potenzielle Zuschauer weder gewusst haben, dass die WSOP wieder bei ESPN läuft, noch wann und auf welchem Angebot sie die Übertragungen finden können.
Ken Douglas fasste die Reaktion vieler Pokerfans auf X entsprechend zusammen:
Ken Douglas
Absolut keine Werbung. Ich verfolge Poker und wusste nicht einmal, dass es ausgestrahlt wurde. Die Berichterstattung in diesem Jahr war furchtbar, und jetzt habe ich auch noch den Zugriff auf sämtliche früheren WSOP-Übertragungen bei PokerGO verloren. Das war ein kompletter Reinfall.
Schon die Suche nach der richtigen WSOP-Übertragung ist kompliziert
Ein weiteres Problem ist die Verteilung der Inhalte. Die Livestreams werden über ESPN+ angeboten. Auch ein Teil der Highlights ist dort zu finden, während andere Sendungen auf ESPN oder ESPN2 laufen.
Für gelegentliche Zuschauer ist dieses System schwer zu überblicken. Selbst aktive Pokerspieler haben Schwierigkeiten, zuverlässig herauszufinden, wo genau die gewünschte WSOP-Ausgabe zu sehen ist.
Derek Kwan schilderte die Situation auf X ausführlich. Deshalb geben wir seine Worte hier wieder, um das Problem in seiner ganzen Dimension deutlich zu machen:
Derek Kwan
ESPN scheint entschieden zu haben, dass die Leute, die über Content- und Preisstrategie entscheiden, Gremlins im Anzug mit MBA sein sollen statt Menschen, die tatsächlich etwas von Produkten verstehen. Die haben gefühlt acht Kanäle??? Die sich alle gegenseitig kannibalisieren und die Zuschauer komplett ermüden. Die Preisstruktur ist unfassbar verwirrend, was zum Teufel ist ESPN Select, das früher ESPN Unlimited hieß (was soll das überhaupt sein), dir aber tatsächlich, ups, weder ESPN noch ESPN2 gibt. Nirgendwo auf den Preisseiten wird das verständlich erklärt. Und dann musst du dich auch noch über einen Kabelanbieter einloggen lol. Ja, lasst uns den Content weiter an eine sterbende Nutzerbasis koppeln und die Leute dazu zwingen. Ach ja, außerdem gibt es noch diverse Disney-Bundles. Mein Freund meinte, er hätte ESPN über Disney! Warum habe ich das nicht?? Mein Freund weiß es nicht. NIEMAND WEISS ES. Nur ein Gremlin könnte sich etwas so Verwirrendes und Nutzloses ausdenken.
Wo haben sie die WSOP verteilt? Natürlich über all ihre verdammten Kanäle lol. Livestreams auf ESPN+ (WAS ZUM TEUFEL IST DAS??). Die Hauptepisoden teilweise auf ESPN, teilweise auf ESPN2? Mit einer Pistole am Kopf: Wofür steht ESPN2 eigentlich aus Sicht der Content-Strategie? POKERSPIELER, DIE NACH DIESEN INHALTEN SUCHEN, FINDEN SIE NICHT EINMAL. @Kevmath und @jeffplatt haben die Sendepläne gepostet. Unmöglich, sich das alles zu merken, außer ich drucke es aus und klebe es neben meinen Fernseher. Wie sollen normale Zuschauer das finden???
Der Final Table dürfte für viele deutlich attraktiver sein
Nicht jeder Pokerfan möchte mehrere Stunden in frühere Phasen des Main Events investieren. Für ein breiteres Publikum sind Bezeichnungen wie Day 6, Day 7 oder Day 8 zudem weit weniger selbsterklärend als ein klar angekündigter Final Table.
Genau mit diesen drei Spieltagen begannen ESPN und die WSOP jedoch bei den Highlights.
Reguläre Main-Event-Tage dürften für viele Zuschauer vor allem dann interessant werden, wenn währenddessen außergewöhnliche Szenen entstehen, die auch außerhalb der Pokerwelt online Aufmerksamkeit bekommen. Ansonsten ist die Bereitschaft begrenzt, Geld dafür zu bezahlen, Spieler auf dem Weg zum Final Table zu begleiten, die diesen später gar nicht erreichen.
Das gilt umso mehr, wenn die endgültige Besetzung des Final Tables zu diesem Zeitpunkt bereits bekannt ist und kostenlos nachgeschlagen werden kann.
Auch die Reihenfolge der Main-Event-Tage sorgt für Fragen
Während des gesamten Main Events war das Kamerateam bei der WSOP im Einsatz. Trotzdem begann die ausgestrahlte Berichterstattung nicht mit den ersten Tagen des Turniers, sondern mit Day 6 bis Day 8.
Für mehrere Spieler war genau diese Entscheidung ein Fehler. Dazu gehörte auch Jon Pardy:
Jon Pardy
Meiner Meinung nach sind die ersten beiden Tage des Main Events für ein Publikum am attraktivsten. So viele Charaktere, Geschichten, Freizeitspieler. Nicht Day 6-8, wenn so viel auf dem Spiel steht, dass die Leute kaum noch einen Satz herausbekommen haha.
Anschließend wurde die Situation noch unübersichtlicher. Die WSOP kündigte Day 3 und Day 4 als Bestandteil der Episoden 3 und 4 an. Norman Chad stellte später klar, dass diese Folgen tatsächlich erneut Material von Day 6, 7 und 8 enthalten und lediglich durch einen kurzen Rückblick auf die Money Bubble von Day 4 ergänzt werden.
Damit bleiben mehrere offene Punkte. Es ist nicht klar, warum die Spieltage in dieser Reihenfolge gezeigt werden, wie Spieler zuverlässig herausfinden sollen, wann ihre eigenen Auftritte eines bestimmten Tages zu sehen sind, und wie verlässlich die angekündigten Sendepläne nach dieser Verwirrung noch sind.
Bei den Episoden selbst gehen die Meinungen auseinander
Die Reaktionen auf die eigentliche Produktion waren keineswegs ausschließlich negativ. Viele Pokerspieler bewerteten die ESPN-Episoden positiv. Besonders gut kamen der nostalgische Kommentar von Lon McEachern und Norman Chad, die hochwertige Produktion sowie die Auswahl der gezeigten Spieler und Hände an.
Andere Zuschauer konnten mit dem zusätzlichen „Produktions-Schnickschnack“ dagegen weniger anfangen.
Ein grundsätzlicher Kritikpunkt betrifft zudem die zeitliche Verzögerung des Formats. Im Jahr 2026 werden in den ESPN-Episoden Ereignisse aufgearbeitet, deren Ergebnisse der Poker-Community längst bekannt sind. Doug Petersen brachte es treffend auf den Punkt:
Doug Petersen
2002 war Poker auf ESPN riesig, weil die meisten Leute die Ergebnisse jedes Events noch nicht längst kannten. Heutzutage kann man TV-Berichterstattung über Events nicht mehr so lange verzögern.