Ace Speaks: Das Master Classics Main Event (Teil 2)

Das ist der zweite Text einer dreiteiligen Serie über Rolf’s Performance beim € 5,000 Main Event der Master Classics of Poker im November 2006.

Nachdem ich den dritten Tag mit einem durchschnittlichen Stack von rund 65K erreicht hatte, war ich froh zu sehen, dass es keinen Redraw der Seats gab. So konnte ich versuchen, mein tightes Spiel zu meinem Vorteil zu nutzen, jetzt, nachdem die Blinds höher waren und auch ein Ante zu bezahlten war. Ich war noch glücklicher, als ich herausfand, dass mein Tisch als TV-Tisch ausgewählt worden war. Denn schließlich war das der Grund, warum ich hergekommen war – ich konnte mich endlich in Szene setzen.

Auf Grund dessen, dass ich so viel Sendezeit als möglich haben wollte, war klar, dass ich nicht nur überleben wollte. Ich wollte dieses Event gewinnen. So kam es, dass ich bereits in der dritten Hand einen ziemlich tighten Raiser auf rund 60 % meines Stacks reraiste, nur mit HjH8 in der Hand. Ich wusste, dass mein Gegner mein Spiel respektierte und ebenso wusste ich, dass er seine Hand A-Q, auf die ich ihn setzte, folden würde. (Später bei der TV-Übertragung fand ich heraus, dass er tatsächlich A-Q gefoldet hatte). Nicht viel später setzte ich wieder ein großes Under the Gun Raise mit H6H3 und wieder gewann ich unbezahlt. So konnte ich langsam, aber sicher Boden gut machen. Doch dann schlug alles ins Gegenteil um. Ich machte wieder mein bereits bekanntes hohes Raise Under the Gun, diesmal mit H8C8 auf 17K. Michael Keiner entschied mit SaSj all-in zu gehen und ich bezahlte die zusätzlichen 21K – aber verlor die Hand. Plötzlich war ich runter auf 77k, obwohl ich bei dem ganzen Event bisher nur ein oder zwei Showdowns verloren hatte.

Ace verliert die Coin Flips

Ohne eine Hand gespielt zu haben, schrumpfte mein Stack weiter auf 65K – derselbe Betrag, mit dem ich den Tag begonnen hatte. Ich lag jetzt etwas unter dem Average, und als die Blinds auf 3K-6K und 500 Ante stiegen, entschied ich mich, einen anderen Gang einzulegen. Dabei half mir der Umstand, dass ich auch an diesem Tag noch nicht bei einem Move ertappt worden war. So erzwang ich mir einen Weg zurück in dieses Event. Ich raiste oder reraiste drei aufeinander folgende Pots mit nichts, gewann sie unbezahlt und dann, in der folgenden vierten Hand, machte ich wieder ein massives Raise – diesmal Under the Gun auf 80K. Sicherlich, diesmal hatte ich wirklich eine Hand, Q-Q, aber mein bekannter Landsmann Thierry van den Berg entschied mit A-K offsuit all-in zu callen. Ich erwartete zu gewinnen, aber unglücklicherweise kam ein König am Flop. So hatte ich meine zweite Runde verloren und war auf 55K zurückgefallen – das kleinste Stack im Event.

Ich kämpfte um mein Leben. Weiterhin ging ich mit zwei von drei Händen all-in, auch aus dem einfach Grund, dass ich nicht einfach nur ein oder zwei Plätze gut machen wollte – ich spielte, um zu gewinnen. Aber kaum hatte ich wieder ein wenig Munition gesammelt, verlor ich meinen dritten Coin Flip, mit Q-J gegen 9-9 eines tighten Player im Big Blind, der meinte, sich stellen zu müssen. Aber ich erholte mich wieder, indem ich zwei unbezahlte Hände gewann, und erreichte wieder knapp die 100K Marke. Dann aber konnte ich einen entscheidenden Pot gewinnen. Angesichts eines 25K Raise von Micha Neuteboom, ein Holländer, gegen den ich schon eine Hand mit einem Reraise gewonnen hatte, war ich glücklich, Pocket Aces zu finden. Ich machte genau dasselbe Reraise wie jenes, mit dem ich diese eine Hand gegen ihn zuvor gewonnen hatte, und auf Grund des Umstandes, dass er K-Q offsuit hielt, hatte er auch eigentlich keine Möglichkeit mehr zu folden. Tatsächlich callte er mit 54K mehr all-in und meine Asse hielten. Ich hatte 180K – und war zurück im Spiel!

Wir waren nur noch 18 Spieler, zwei Tische, und am TV-Tisch waren nicht weniger als vier Holländer der verblieben fünf in diesem Event. Ich gewann durch gute strategische Manöver zwei Pots, aber ich entschied nun, nach der ganzen Action ein wenig vom Gas zu gehen. Ich foldete 88 in Early Position und auch HaHq nach einem Raise. Aber als ich feststellte, dass trotz meines nur durchschnittliches Stacks von 205K (eindeutig weniger als die 700K vom Chipleader zu meiner Rechten Alex Jalali) alle sechs Spieler zu meiner Linken weniger Chips hatten als ich, legte ich doch wieder einen Gang zu. Ich hoffte, mein Stack auf Kosten der Spieler zu meiner Linken weiter ausbauen zu können. Bei den Blinds 4K-8K, Ante 1K, versuchte ich 20K zu stehlen, indem ich mit S5S4 in der Hand auf 82K raiste. Weil der Chipleader bereits gefoldet hatte und weil ich schon lange keine Hand mehr gespielt hatte. Ich war ziemlich sicher, dass ich mit diesem Move davonkam, sozusagen als Start für mein Projekt “Einschüchterndes Spielen”. Aber der Holländer Manno Vlek hatte offenbar gewusst, was ich denke und entschied mit 166K all-in zu puschen, mit nur A-10 offsuit in der Hand. Ich nahm mir die Zeit, meine Odds zu kalkulieren, war mir sicher, dass ich gegen die Asse antrete. Aber mit der Aussicht 3.1 für mein Geld zu bekommen, blieb mir eigentlich keine Chance mehr, meine kleinen Suited Connectors zu folden. Ich lieferte eine kleine Show für die Kameras (gab kluge Sätze wie: “Wer wird so dumm sein, ein Raise mit 5 hoch zu machen und dann auch noch ein Reraise damit callen” von mir) und die Spannung stieg. Sicher machte ich den Call. Sofort begann ich nach weiteren Pik und kleinen Karten zu rufen und wieder erhörte mich eine Glücksfee. Doch dieselbe reizende Fee erhöhte noch die Spannung, als Menno am Turn sein Top Pair traf. Aber am River komplettierte sie mein Runner-Runner Flush und gab der richtigen Person den Pot: Mir. Die Menge tobte, Menno schlug auf den Tisch und ich bekam eigenartige Blicke zugeworfen, nicht nur von den Spielern und den Zusehern, auch der nette Dealer sah mich fragend an, als wollte er sagen: “Rolf – Was zum Teufel hast Du Dir dabei gedacht?”

Die Glücksträhne

Ich hatte mich auf 400K hochgearbeitet. Ich habe noch nie in einem “Lauf” gespielt (als strikter Cashgame Spieler glaube ich nicht an so etwas – ich glaube an +EV Spiel), dennoch wusste ich, jetzt war meine Zeit gekommen. Ich wusste, dass mich meine Gegner nun als absoluten Maniac einstuften, der mit wirklich allem All-in sein könnte, und so machte ich einen absolut lächerliches Raise Under the Gun auf 210K mit K-K. Thierry van den Berg callte sofort all-in und streckte seine Fäuste in die Luft. Bis jetzt bin ich noch nicht zu 100 % überzeugt, ob es daran lag, dass er die Asse hatte – oder dass er sie zeigen durfte. Wieder begann ich, als klarer Dog in einem großen Pot, nach meinen Königen zu schreien – und tatsächlich drehte sich am Turn einer um. Jetzt war es Thierry, der auf den Tisch schlug und sein Pech verfluchte, und die Zuseher wurden wieder laut. Aber nicht im positiven Sinn, sondern weil drei ihrer Favoriten (Micha, Menno und Thierry) alle vom selben Spieler eliminiert worden waren: Von Mir. Und wenn man auch noch bedenkt, dass einige Leute Beteiligungen bei diesen Spielern hatten, machte mich diese Tatsache nicht gerade zum beliebtesten Spieler im Haus. Aber da ich einen 400K Pot als 4:1 Dog kassieren konnte, hatte ich ziemlich knapp zu Chipleader Alex Jalali aufgeschlossen und ich war in einer ausgezeichneten Form.

Auf der Jagd

Noch war ich nicht zufrieden. Mit zehn verbliebenen Spielern an zwei Tischen spielten wir je fünf an einem Tisch – und ich wusste, dass das die Zeit war, um Chips zu sammeln. Ich reraiste Jan Boubli mit A-5, um ihn zu einem Laydown zu bringen, und ebenso reraiste ich Jan Sjaviks Under the Gun Raise. Mit nur
CqCj in der Hand reraiste ich hoch genug, damit er all-in gehen musste. Nach einiger Überlegung entscheidet er, eine Hand mit der er mich dominiert hätte, zu folden – A-Q. Puh! Ich setzte den Weg auf meinem Kriegspfad fort und eliminierte auch den letzten Spieler vor dem Finale – wieder als leichter Underdog. In kurzer Zeit hatte ich es geschafft, vom Shortstack zum Chipleader dieses Events zu werden. Das bedeutete, dass ich den Finaltisch mit neun Spieler als Chipleader beginnen würde. Und das mit nicht weniger als 841K, was rund ein Viertel aller Chips im Spiel war.

Während sich alle wunderten, was aus dem ultra-tighten Rolf, den sie vom Cash Game kannten, geworden war und während mich die Micha/Menno/Thierry Fans für meine unglaublich dumme Spielweise verfluchten, ging ich sehr zufrieden schlafen. Ich hatte den TV-Kameras geboten, was sie wollten und ich wusste, dass sich alle in Holland für lange Zeit an Ace erinnern werden. Was aber noch viel wichtiger war, ich war am Weg zu meinem Ziel – den begehrten Titel gewinnen. Ich wusste, dass ich an diesen Punkt in einer guten, wenngleich auch unorthodoxen und sehr glücklichen Manier gekommen war. Nun lag es an mir, das Finale noch unter Dach und Fach zu bringen.

Rolf Slotboom


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