Poker, Geld und Sex
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- Stefan Schüttler, Dienstag. 26. Dezember 2006
Stefan Schüttler, im “realen” Leben Dipl. Psychologe, Psychotherapeut und frisch gewählter Präsident des gerade eingetragenen Pokerclubs Berlin Bad Beat Berlin, hat sich ein wenig über die wichtigen Dinge des Lebens Gedanken gemacht. Zu welcher Erkenntnis er kam und ob Sie seiner Meinung sind – Lesen Sie selbst!
Ist Poker ohne Geld wie Sex ohne reales Gegenüber? Mal abgesehen davon, dass Sexualität ein sehr persönlicher Bereich ist, bei dem die Gesellschaft nur in Teilbereichen reinragt, und wo den individuellen Vorlieben und eigenen Anreizen ein Feld überlassen bleibt, sich auszutoben, die eigene Lebensgeschichte heimlich mit zu bearbeiten oder zu flüchten, soll hier ausnahmsweise einmal oberflächlich dem alten Sigmund Freud Recht gelassen werden, der behauptete das Entwicklungsziel im Sexuellen, die höchste Stufe sei nun mal die “genitale Stufe”, bzw. der finale Geschlechtsakt mit einem gegengeschlechtlichen Artgenossen. Ohne die viele gleich- oder multisexuellen Lebensweisen mit dieser Überschrift nun also diskriminieren zu wollen, soll hier nun anhand oft auch veralteter Vorstellungen und Thesen der Frage nachgegangen werden, ob Poker ohne Geldeinsatz letztendlich in irgendeiner Form einer “Perversion” oder einer ängstlichen Selbstbefriedigung gleicht, bzw. nun mal ist, wie Sex eines Mannes – ohne Frau.
Ist nur Poker um Geld richtiges Poker? Gehört der Geld- oder Werteeinsatz wie Wasser zum Fisch nun mal einfach zum Pokern dazu, oder darf es auch andere Formen der Motivation und Angsterzeugung geben, die ein Pokerspiel zum wirklichen Pokerspiel machen? Muss es beim Pokern am Besten um Haus und Hof, das eigene Auto oder die Diamantenkette der eigenen Frau gehen? Wenn selbst James Bond bereits um den Weltfrieden pokert, und die Leinwand-Bösen der Welt ihre Gelder am Pokertisch zu gewinnen trachten? Macht gerade der finanzielle Einsatz, die möglichst hohe nicht nur emotionale, sondern auch finanzielle eigene Beteiligung den Reiz des Spiels vor allem aus? Analog dem Verdoppelungswürfel, der die Faszination des Backgammonspiel geradezu potenzierte, erhöht das Spiel um Geld auch beim Poker maßgeblich den tatsächlichen Reiz?
Wer hat nun bereits die Wahrheit des Pokerspiels besungen, und auch sonst allerlei mehr oder weniger abwegige Thesen in den Raum gestellt, der sollte auch hierzu eine Antwort nun nicht schuldig bleiben.
Wenn nur durch das Spiel um Geld Poker zum richtigen Poker werden soll, weil es um möglichst große Aufregung und emotionale Beteiligung gehen muss, dann sollte man vielleicht doch auch nach der dahinter liegenden Aufregung fragen. Selbst beim Spiel um Geld mag es Unterschiede geben, die Unterschiede machen. Pokert ein amerikanischer Multimilliardär mit Doyle Brunson um eine Million, dann dürfte für den Milliardär doch vor allem die Frage von Wichtigkeit sein, ob es ihm gelingt, den Weltmeister aller Weltmeister zu schlagen. Für Doyle Brunson hingegen mag es hier eher um ein Geschäft bzw. vielleicht sogar nur noch einen gut bezahlten Gefallen gehen?! Bei all den inzwischen professionellen Pokerspielern, die tagtäglich acht Stunden an sieben Tischen gleichzeitig im Online-Casino sitzen, um ihre 3 Big Blinds pro Stunde zu machen, dürfte sich die Aufregung auch zunehmend in Grenzen halten, und den Professionellen beim Sexualakt gleichen, die nun mal mehr ihr Geld damit verdienen, als wirklich noch Freude (“geilen Sex”) an der Sache haben.
Anders liegt der Sachverhalt sicher bei großen Turnieren, wo es neben ordentlichem Buy-In auch um Ruhm und Ehre, goldene Armbänder und weitere Auszeichnungen zu gehen scheint. Hier, das kann ich mir nicht vorstellen, wird es keine Spieler geben, deren Puls nicht auf 150 geht, wenn der Showdown steht bevor und sie selbst all-in sind. Insofern scheint sich alles um die Frage zu drehen, was bringt den Spieler in Wallung? Was erregt ihn in höchstem Maße? Wie im sexuellen Leben mag es hier eine undurchschaubar große Anzahl von Möglichkeiten geben. Wie bei Freud im “gegengeschlechtlichen Liebesobjekt” geht es wohl auch beim Poker um einen möglichst bedeutenden Einsatz, ein großes Ziel. Worin genau dieses Ziel besteht, da mag es jedoch im Unterschied zum Gottvater der Psychoanalyse und seiner Sicht auf das Sexuelle beim Pokern etwas mehr Möglichkeiten geben, und wie das Beispiel um Doyle Brunson oder die Pokerprofessionellen zeigen wollte, garantiert noch nicht einmal der Einsatz von Geld hier wirklichen “Sex”.
Möchte man sich die Freude am Poker erhalten, so sollte man zum einen vielleicht gar nicht soviel Nachdenken über die eigenen Beweggründe und Motivation. Man darf sich beobachten, erleben, umsichtig erkunden, sich über die eigene Erregung wundern, sich daran erfreuen. Gerade Erfahrung macht einen hier vielleicht vor allem nur ärmer – nicht reicher. Der erste eigene Royal Flush, das sehnsüchtige Warten darauf, die Aufregung, das alles gilt es möglichst lange zu bewahren, und vielleicht NICHT nur dadurch zu suchen, dass man in den Limits immer an der Schmerzgrenze entlang geht? Der Umgang nicht nur mit eigenem Geschick, sondern auch mit der Tatsache, dass man beim Poker immer auch in mehr oder weniger großem Umfang dem Schicksal, der Macht und Faszination des “Bad Beats” ausgesetzt, ist vielfach und für viele sicher “geil” genug.
Stefan Schüttler
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