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PokerOlymp Spielerportrait: Chip Reese

Wer ist eigentlich der beste Spieler aller Zeiten? Den ersten Platz der All-Time-Money-List belegt ein gewisser Jamie Gold. Doch kaum jemand würde ihn als besten Spieler der Welt bezeichnen. Das kann Mr. Gold natürlich ziemlich egal sein, denn die 12 Millionen Dollar, die er 2006 beim WSOP Main Event gewonnen hat, sollten für ein sorgenfreies Leben ausreichen. Wahrscheinlich kann man Phil Hellmuth schon eher als den ultimativen Pokerspieler bezeichnen. Er gewann zwar “nur” $9,500,000, jedoch stammt diese Summe aus unzähligen Turniersiegen in seiner fast 30-jährigen Pokerkarriere. Aber sind Turniererfolge aussagekräftiger als Erfolg beim Cashgame?

Wenn man den erlesenen Kreis der High-Stakes Cashgame-Spieler befragt, wer denn der beste Cashgame-Spieler aller Zeiten sei, so lautet die Antwort recht einstimmig: Chip Reese. Am 4. Dezember 2007 ist “Chip” Reese im Alter von 56 Jahren verstorben. Mit seinem Tode verlor die Pokergemeinschaft nicht nur den wahrscheinlich besten Cashgame-Spieler der Welt, sondern auch eine hoch angesehene und respektierte Persönlichkeit.

Eigentlich hätte alles ganz anders kommen sollen. Der hochintelligente David E. Reese wollte Anwalt werden. Mit 23 Jahren hatte er bereits ein Studium der Volkswirtschaftslehre am Dartmouth College abgeschlossen und war nun an der rennomierten Stanford University für das Studium der Rechtswissenschaft zugelassen. Nun befand sich der junge Mann aus Ohio auf dem Weg nach Kalifornien, um sich in Stanford an der Uni einzuschreiben. Wie geplant, machte er unterwegs einen kurzen Abstecher nach Las Vegas, um dort einen alten Freund zu besuchen…

Doch wenn man schon mal in Las Vegas ist, dann muss man auch ins Casino – Siegesgewiss nahm David an den low-limit Seven-Card-Stud Tischen Platz. Und um es vorwegzunehmen, es lief nicht gerade schlecht für den angehenden Anwalt. Kein Wunder, denn David konnte schon auf eine Menge Pokererfahrung zurückblicken. Schon früh lernte David das Kartenspielen von seiner Mutter, als er damals auf Grund einer schweren Krankheit mehrere Monate das Bett hüten musste. Später auf dem Pausenhof erleichterte er beim Pokern seine Mitschüler um Baseball-Sammelkarten. Und auf dem College hinterließen seine Pokerfähigkeiten einen derart bleibenden Eindruck, dass man dort heutzutage einen “David E. Reese Memorial Card Room” vorfindet.
Aus dem kurzen Abstecher nach Las Vegas wurden drei Monate als Stammgast in den Casinos, an deren Ende David um $100,000 und die Erkenntnis, Profispieler werden zu wollen, reicher war. In Stanford immatrikulierte er nie – eine Entscheidung, die er, wie er später einmal sagte, nicht zuletzt aus finanziellen Beweggründen traf.

In den folgenden Jahren in Las Vegas sicherte sich der Newcomer den Respekt und die Freundschaft weltbekannter Pokergrößen wie Doyle Brunson und Johnny Moss. Doyle war vor allem von seinen Fähigkeiten beim Seven-Card-Stud so beeindruckt, dass er ihn zum weltbesten Spieler dieser Disziplin erklärte und folglich das Seven-Card-Stud Kapitel in seinem Buch “Super System” schreiben ließ. Überhaupt verband die beiden eine enge Freundschaft.

In Sachen Cashgames nahm es David, oder auch “Chip”, wie er mittlerweile genannt wurde, mit jedem Gegner auf. Egal, welches Spiel oder welcher Einsatz. Aber auch seine Erfolge im Turnierpoker sind nicht zu verachten. Er erspielte sich in den Jahren 1978 und 1982 zwei WSOP-Bracelets in seiner Paradedisziplin Seven-Card-Stud. Das Highlight seiner Turnierkarriere war aber definitiv das $50,000 H.O.R.S.E. Event der WSOP 2006. Er setzte sich hier in einem Teilnehmerfeld der Weltkasse durch und gewann das “inofizielle Mainevent” nach einer legendären Heads-up-Schlacht gegen Andy Bloch. Über 7 Stunden und 286 Hände dauerte das längste Heads-up in der Geschichte der World Series. Mit diesem grandiosen Sieg manifestierte Chip seinen Status als bester Allround-Spieler der Welt. Insgesamt betragen Chip’s Einnahmen aus Turnieren $3,453,658. Eine stolze Summe, doch seine Gewinne durch Cashgames sind höchstwahrscheinlich mindestens 10-mal so hoch.

Abseits des grünen Filzes waren seine finanziellen Erfolge aber eher durchwachsen. Seine Geschäftsprojekte, die er mit Vorliebe an der Seite seines Kumpels Doyle Brunson verwirklichte, waren selten von Erfolg gekrönt. Neben Investitionen in Öl, Rennpferde und diverse TV-Projekte entwickelte das Duo auch äußerst skurille Geschäftsideen. Man muss nämlich kein Wirtschaftsexperte sein, um vorherzusagen, dass die Suche nach der Titanic und der Arche Noah keine besonders Große Aussicht auf Erfolg haben dürfte.

Im Jahre 1991 wurde er als damals jüngster Spieler aller Zeiten in den elitären Kreis der Poker Hall of Fame aufgenommen. Trotz dieser Ehrung und all seiner Erfolge am Pokertisch ist David “Chip” Reese der vielleicht am meisten unterschätzte Spieler der Welt. Das liegt vor allem daran, dass man den Allrounder relativ selten im TV sehen konnte. Egozentrisches Gehabe à la Hellmuth war David eher suspekt. Auffällig waren bei ihm höchstens das Benehmen eines wahren Gentlemans und sein ruhiges und ausgeglichenes Wesen. Und ob man ihn nun als besten Pokerspieler aller Zeiten bezeichnen will oder auch nicht, seine stets besonnene und freundliche Art wird man noch lange in Erinnerung behalten.

Sebastian Huppertz

WSOP Statistik



Cashes: 17
Bracelets:3

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Finaltables: 1
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