Berlin ist eine Reise wert – Zweiter Teil
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- villains_hero, Dienstag. 08. Dezember 2009
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Am zweiten Tag bin ich im Turnier schon nach einer halben Stunde gebustet, nachdem gegen einen viel tieferen EP-Raiser mit 11 BB und AK mein Stack reinging und er sich nach einigem Überlegen dann doch zu nem Call mit QQ durchgerungen hatte. Es wollten dann zwar drei Leute cash spielen, aber die anderen, mimimi, nur, wenn wir ein paar mehr Leute sind. Es wurden aber nicht mehr, und das war blöd, weil immer mal ein paar Degenerierte aus der Roulette-Abteilung herüberguckten. Aber wenn keine Partie läuft, dann setzt sich auch keiner dazu. Das erinnerte mich an ein anderes Online-Phänomen, das speziell in kleinen Pokerräumen die Action zerstört: Regulars, die nicht bereit sind, mal eine Partie unter ihresgleichen 4-handed laufen zu lassen, sondern stattdessen sofort aussetzen, sobald der vermeintliche Fisch gegangen ist. Das ist ärgerlich und kostet alle Beteiligten Geld.
Irgendwann hatten wir dann doch ein 4-handed 2,5/5 mit drei Medium- bis Smallstacks. Das allein war wenig ergiebig, aber es erfüllte seinen Zweck. Denn plötzlich kam ein edel gewandeter Herr um die Ecke, Anzug, Schlips, Einstecktuch, Nobelbrille, der offensichtlich Wert darauf legte zu zeigen, dass er Geld hat. Hat vom Roulette mehr als 2k mitgebracht, setzt sich zum Poker und legt die ganze Kohle vor sich. Das war aufregend, erster Shot auf einen Live-Wal.
Relativ schnell wird klar, dass er kaum die Regeln kennt, braucht er aber auch nicht mit ständig Top-Set und solchen Sachen. Und wenn er mal nicht die Nuts hat, dann wendet er eine anfangs sehr effektive Taktik an, um trotzdem zu gewinnen: Bettet er halt auch in Minipötte ein paar hundert Euro, und alle folden. Ich hab mich relativ bald gefragt, wie ich es anstelle nachzukaufen, ohne dass er Verdacht schöpft, dass dieses Nachkaufen allein gegen ihn gerichtet ist und er plötzlich konservativer mit seinen Chips umgeht. Er saß da mit 400BB, ich mit kaum 200 – was tun? (Falls sich diese Frage überhaupt stellt, ich weiß es nicht.)
In irgendeiner Hand, ich hab alles Spielbare gegen ihn gespielt, aber nie etwas getroffen, hatten wir dann einen kleinen Dialog, mit dem ich das Nachkaufen vorbereitet habe. Ich hab mal wieder nichts, und er bettet 400 in 30 oder so, da versuch ich leidend zu gucken und sag erst irgendwas in der Art von “Mann, das ist zu viel”, aber er steigt nicht darauf ein und guckt nur triumphierend. Ich schieb noch ein “Kann ich mir nicht leisten, bin ein armer Mensch” nach, und das will er dann doch nicht unkommentiert stehen lassen: “Bin ich auch”, sagt er. Mit meiner Antwort “Den Eindruck hab ich nicht, um ehrlich zu sein” bin ich im Nachhinein recht zufrieden, das hat er wahrscheinlich gerne gehört. Und das hat ihn hoffentlich bestärkt in der Einstellung, allein mit Druck Pötte gewinnen zu können. Gefoldet, Stack angeguckt, gesagt “Wird ja immer weniger” und 100BB nachgekauft. Das war das Setup.
Und dann kam irgendwann mein erster spannender Live-Spot mit zitternden Fingern und Herzklopfen. Mit Qh9s supertief tief im raised pot out of position gegen eine Range von fast any two, Flop Q32ss, am Flop check/call ne moderate bet, am Turn check/call ne kräftige bet, und am River war das Board dann Q3272ssss, und ich checke nen 9-high-Flush mit dem Plan, so ziemlich alles zu callen, was da kommen mag, war aber etwas besorgt, weil abzusehen war, dass da einiges kommen würde. Am River bettet er dann 500 in 200 (oder so ähnlich, weiß nicht mehr genau, war nervös). Ich überlege noch ne ganze Zeit, obwohl die Entscheidung klar ist, aber die Vorstellung, dann am Ende nen T-high-Flush oder irgendein absurdes Full House gezeigt zu bekommen, war ätzend. Da habe ich realisiert, dass sich Live-Chips viel realer anfühlen als online. Eine interessante, unerwartete Erfahrung: deutlich unterhalb der regulären Stakes unterwegs und trotzdem eine Art von scared money. Ok, gecallt, er lächelt, zeigt AJ ohne spades, sagt “Dein Mut wird belohnt”, und dann ist etwas ganz Schreckliches passiert. Im ersten Anflug der Erleichterung hör ich mich sagen “Ich hab nen Fläsch”. Hoffentlich hat das niemand anderes gehört.
Das war es dann aber auch an dem Tag. Mein Stack und der eines Kollegen standen von 16 bis 2 Uhr auf dem Tisch, aber Action war nicht viel mehr als die Hälfte der Zeit, obwohl die Dealer nicht müde wurden anzukündigen, dass sicher noch Stammgäste fürs Cashgame kommen – was wahrscheinlich einfach nur so dahingesagt war, damit wir nicht auch noch abhauen. Sonntags ist da wahrscheinlich schlichtweg nichts los. Überhaupt, das Casino-Personal, die sagen wahrscheinlich alles, wenn es darum geht, einen Gast zum Bleiben oder Wiederkommen zu bewegen. Als ich fragte, ob der Wal öfter kommt, sagte der Dealer spontan, eher nicht. Dann fiel ihm ein, dass eigentlich doch, und am Ende war der angeblich fast Stammgast, beim Roulette. Oder tags darauf der Floorcommander am Potsdamer Platz: Der tat bei jeder Anfrage so, als sei es nur noch eine Frage von Minuten, bis es ein 5/10 gibt, dabei war ihm wahrscheinlich klar, dass das am Montag eher nichts wird, es war ja kaum einmal das 2/4 voll besetzt. Da fühl ich mich als Gast verarscht und nicht ernstgenommen. Am Alexanderplatz war ich außerdem erstaunt, wie offensiv und bestimmend die ansonsten freundlichen Dealer ihren Tip einfordern, teilweise noch mit der Ansage, dass dies ja nun ein bisschen wenig sei. Das gab es am Potsdamer Platz nicht, wenngleich dort einige der Dealer nicht gerade für den PokerOlymp-Sympathiepreis infrage kommen.
Als am Montagabend am Potsdamer Platz schließlich ein 2/4 lief, war das wahrscheinlich anfangs ein für Live-Verhältnisse extrem toughes Lineup. Lauter junge Regulars plus ein weak-tighter Typ, der an den Tagen zuvor auch am Alexanderplatz war, plus mich als nie zuvor gesehener potenzieller Tablefisch: Ende dreißig mit weak-tighter Optik, wie ein Profi sehe ich aus Liveshark-Perspektive eher nicht aus. Einer von den Regulars hatte mich schon beim 2/2 vorher ausgeguckt, setzte sich sofort links von mir ans 2/4 und hätte mich in der ersten großen Hand beinahe geownt (ownen, wunderbares Verb, wie sagt man das auf Deutsch?).
Hero war in LP recht aktiv, eröffnet QJdd am Button, Villain im SB 3bettet 3x, nach meinem Empfinden bei 100BB effektiven Stacks eine etwas zu kleine 3bet out of position. Die 3bet hatte ich fast erwartet und hab ihn auf ner sehr weiten Range gesehen, wenngleich ohne Idee, wie ich sie gewichten soll und welche Kombos Livespieler bevorzugt für leichte 3bets benutzen. BB folds, Hero calls, Flop Jxx. Villain cbettet ungefähr half pot, Hero callt, Turn paart das Board und gibt Hero nen Flushdraw. Villain bettet sehr klein, Hero callt, River Q, etwa eine potsized bet übrig beiderseits. Villain überlegt kurz und stellt es dann rein.
Natürlich call ich da mit top two. Mit ner halbwegs aggressiven Dynamik kann er ja sogar Schlechteres valuebetten. Aber ich fand sein Betsizing nutsverdächtig und war überhaupt nicht guter Dinge. Das hab ich ihm auch gesagt, ohne dass er reagiert hätte. Ich call dann recht schnell, er zeigt A8o, und da war ich sehr beeindruckt von seinem Betsizing und ziemlich erschrocken, dass ich seine Action komplett falsch interpretiert hatte. Wahrscheinlich hätte er mich mit dieser Sequenz auf so manchem River zum Folden gekriegt, weil ich bis dahin gedacht hatte, dass Live-Spieler solche Stunts eher nicht hinlegen. Glück gehabt, gutes Board.
Drei, vier Stunden später spielt er übrigens fast die gleiche Hand gegen meinen kompetenten Nachbarn zur Rechten, der die A8o-Hand gesehen hatte. Wieder 3bet oop, call, Board K66, kleine cbet, kleine Turncbet, shove River. Da hätt ich gerne seine Hand gesehen und wär dann um einiges klüger gewesen, denn da hätte sich endlich offenbart, auf welchem Level der Bursche denkt, was ich den ganzen Abend über nicht so richtig herausbekommen hab. Leider gab es keinen Showdown.
Live wirke ich auf Routiniers wie diese Jungs wahrscheinlich ziemlich unbeholfen. Pro Stunde hab ich so ein, zwei Aussetzer. Mal kloppe ich beim Nachdenken auf den Tisch und checke damit unbeabsichtigt (ist mir 4x passiert an 3 Tagen), mal schmeiß ich mitten im Spiel einfach so meine Karten weg, weil ich denke, der Dealer gibt neu, tut er aber nicht, lauter solche Sachen. Das ist aber in Verbindung mit meinem unschuldigen Aussehen ein Vorteil. Es fiel den Villains offensichtlich sehr schwer zu realisieren, dass ich ungefähr weiß, was ich tue, und davon habe ich in mehreren Händen auf verschiedene Weise profitiert. Ich hab dann auch stundenlang nichts zu Händen und irgendwelchem Stratkram gesagt, nie gezeigt, gelegentlich open limps eingestreut, damit das Image möglichst lange hält. In dem Sinne hat mich dann eine Hand geärgert, da raist Hero im BB mit AQo ein paar Limper, einer von den Overlimpern shovt 40BB oder so, und ich snapcall gegen sein KJo. Für die Entscheidung hätte ich Fisch eigentlich länger brauchen müssen, da hab ich mich ein bisschen offenbart.
Andererseits ärgert es mich im Nachhinein eher, dass ich versucht habe, möglichst doof auszusehen. Zwei, vielleicht drei der Jungs fand ich spannende Spieler. Von denen gibt es nicht so viele, schon gar nicht in Ostwestfalen, und jetzt denke ich, dass das eine verpasste Chance war, mit guten Spielern Strattalk zu machen. Einen von den Jungs fand ich sogar exzellent, der spielt wohl vor allem live, sagten die anderen, aber ich habe trotzdem nicht feststellen können, dass ich dem in irgendetwas überlegen bin. Stattdessen war ich enorm beeindruckt, mit welcher Leichtigkeit er spielte, wie fokussiert er war, wie präzise er auf dem Schirm hatte, was um ihn herum passierte. Dem würde ich wahrscheinlich Geld für ein Live-Coaching bezahlen.
Im Lauf des Abends wurde das Lineup dann etwas softer, es kamen noch ein, zwei mediokre Regs dazu und einige nicht so tolle Gelegenheitsspieler, aber das war bei weitem nicht zu vergleichen mit den beiden Festtagen zuvor. Am Ende standen dann nach 3 Tagen Livecashgame 2,5/5 und 2/4 gut 2.000 Euro Profit, das klingt ja erstmal recht ordentlich. Davon gehen aber ab 250 Euro für die Anreise, 300 fürs Hotel und 200 für Koks, Nutten, Trinkgelder, Essen, Trinken und sonstiges, das relativiert es schon. Wahrscheinlich ist es auch noch gut gelaufen. So einen Wal wie den am Alexanderplatz hat man wahrscheinlich nur alle paar Wochen mal quasi für sich alleine, und insofern ist es finanziell eine ziemlich ernüchternde Alternative (wenn man nicht gerade in den zwei Wochen zuvor nen fünfstelligen Betrag versenkt hat ;)). Aber es macht Spaß, und ich werde es wieder tun. Demnächst in Hamburg zum Beispiel.
Kommentare

















solche berichte mag ich, ironisch, humorvoll und sogar pokercontent
weiter so…diese Kolumne les ich hier inzwischen am liebsten
“200 für Koks, Nutten, Trinkgelder, Essen, Trinken und sonstiges”
Ja die Nutten und das KOks sind immer ein teures Vergnügen
Schöner Beitrag !
Mfg
Spannender Artikel; Ein Teures Vergnügen, aber mann will ja unterhalten werden; und heutzutage ist Entertaiment teuer…
netter bericht…gut zu lesen….
zu dem Thema “TIP ”......da bin langsam auch echt genervt von.
TIP sollte Trinkgeld sein und bleiben…..und nix selbstverständliches…falsch ausgedrückt…....und kein “MUSS”...
ich gebe gerne TIP. aber nicht wenn ich 200 hinten liege und mal einen 50er Pot schnappe….
ich finde tip sollte man schon geben…..aber nur wenns auch läuft….
ansonsten fährt man ja nur noch zum tip und rake zahlen zum cash game…..
das härteste was ich mal im casino dortmund erlebt habe war, das der floorman nach einem cash im turnier….einfach tip eingehalten hat ohne mich zu fragen…......nee leute das geht zu weit…....es ist meine entscheidung tip zugeben und vor allem wieviel !!!........leider habe ich das erst im auto gemerkt. war dann auch seitdem nicht mehr in hohensyburg….
Sehr unterhaltsamer Beitrag!
@tnt: Man wird halt heutzutage beschissen wo es nur geht!
Das ist traurig aber wahr. Dein Erlebnis finde ich aber schon sehr Skandalös!
Wenn TIP Pflicht wäre würd ich mir es mir wahrscheinlich nur einmal (wenn überhaupt) überlegen ob ich live spielen gehe oder doch lieber ne gemütliche Online-Session zu Hause starte. Klare Sache! Ist zwar nicht dasselbe aber was für nen Edge müsste man live denn haben um davon dann noch leben bzw. überhaupt auf Dauer Profit machen zu können nach Rake und Pflicht-TIP.
Hört sich komisch an aber ich hoffe auch dass die Rechtsgrundlage betreffend Online-Poker so bleibt. Wie krank wäre das wenn man auch nur 50% seiner Online-Gewinne versteuern müsste, was noch ein glimpfliches szenario wäre glaube ich. Das würde das Online-Poker definitiv desaströs beeinflussen wenn nicht sogar zerstören!
Geld regiert die Welt (manchmal auch der Fuhrpark)
Gruss aus B
Sollen die Deppen in Berlin doch Online Pokergewinne besteuern. Da schneiden die sich doch ins eigene Fleisch.
Sagen wir mal 10% der Spieler machen insgasamt 10 Mio Gewinn.
Die anderen machen 20 Mio Verlust weil 10 Mio an die Gewinner gehen und 10 Mio an die Onlineanbieter als Rake.
Wenn Gewinne steuerpflichtig sein sollte muss man logischerweise auch die Verluste absetzen können.
Da aber die Fische auch die 20 Mio von der Steuer absetzen können,
gehen mehr Steuern verloren als Einnahmen kommen 
Die Tip-Sache empfinde ich als etwas zwiespältig. Wenn ich richtig informiert bin, dann bekommen die Dealer ein überaus bescheidenes Grundgehalt und sind mehr oder weniger auf die Trinkgelder angewiesen. Insofern: Wenn der Dealer einen guten Job macht und obendrein der Tisch-Atmosphäre gut tut, dann gebe ich gerne Trinkgeld und auch gerne den einen oder anderen Euro mehr als üblich. Andererseits bewegen sich beim Live-Poker die Nebenkosten wegen Rake (dafür können die Dealer nichts) und Tip in unverschämten Dimensionen, verglichen mit online. Und wenn man dann noch für dumm verkauft wird (s.o.), dann macht das Trinkgeld geben nicht so richtig viel Spaß.
200 für Koks, Nutten, Trinkgelder, Essen, Trinken und sonstiges,....
Also wenn das dort SO BILLIG zu haben ist dann geh ich auch hin,bezweifle es aber!
Schöner Bericht.
“200 für Koks, Nutten, Trinkgelder, Essen, Trinken und sonstiges”
für den preis gab´s da irgendwo mindestens einen – wenn nicht sogar mehrere – haken !!!!
...koks gestreckt, fette nutten, trinkgeld im cent bereich, essen & trinken bei der berliner tafel und sonstiges steht dann wohl für kaugummi-automat!?