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Commedia dell´Poker

Diesen Sonntag war es wieder soweit. Pflichttermin für Pokerjournalisten. Was weiß Planetopia das Wissensmagazin tatsächlich über unsere Passion? Götz Schrage hat die Sendung gesehen und sich so seine Gedanken gemacht. Vielleicht ein wenig verwirrend und merkwürdig am Punkt vorbei trifft er dann doch möglicherweise ins Schwarze. Pokern im deutschen Privatfernsehen, oder Commedia dell´Poker.

Ja das Redaktionsleben ist verdammt hat. Die Bosse haben von wenig eine Ahnung und das Wenige wird kleinen verstaubten Schubladen verstaut. Dem Publikum will man gefallen, weil wer nicht gefällt, wird aussortiert und den ersten Erfolg hat man einfach kein zweites Mal. Pokern als Reportage ist eine Bank. Da kann eigentlich nichts schief gehen und wenn was schief geht, ist man selber Schuld. Wozu eine neue Story schreiben. Sich in alten Klischees zu suhlen, bringt ebensoviel Spaß und wer arbeitet in unserer hektischen Zeit schon das Doppelte zum ohnedies kleinen Preis. Redakteure und Journalisten haben es gerne leicht und wenn es leicht geht, am Liebsten noch ein bisschen leichter. Und das Publikum will klare Ansagen statt diffuser Vermutungen. Zweifeln ist Schwäche und wozu fundierte bunte Berichte riskieren, wenn man es sich schwarz, weiß und einfach auch noch machen kann.

In längst vergangener Fernsehvergangenheit muss es sie tatsächlich gegeben haben, die Mutter aller Pokerreportagen. Irgendwo auf einem beliebigen Sender zu einer ebenfalls beliebigen Sendezeit. Seitdem ist die Handlung vorgegeben, bloß nicht das Bewährte verlassen. Pokern mit all seinen Aspekten und Problemen ist nicht, was es ist, sondern ist das was verstanden und erwartet wird. Mysteriös, gnadenlos und seine Opfer verschlingend – das gefällt und Quote bringt es auch.

Erfolg braucht klar gezeichnete Figuren. Es gibt in diesem seichten Spiel ein Opfer, das eigentlich alles unter Kontrolle hätte, wären da nicht die bösen lockenden Sirenen der Verführung. Dann gibt es den Sachverständigen, der in seinem Sachverstand nur bestehen kann, weil er strikt an der Sache vorbei argumentiert, um nicht auf die Probleme eingehen zu müssen, für die niemand eine Antwort hat. Warum fahren Menschen ihr Leben so gerne gegen die Wand, wo sie doch nur dieses haben. Wieso handeln auch wir so oft gegen unser besseres Wissen und brechen Vorsätze, kaum haben wir sie fertig formuliert. – Keine schlaue Eigenschaft unserer Spezies, aber immer schon da und manchmal führt einen der Weg der scheinbaren Glücksfindung geradewegs ins Unglück. Diesen Irrlauf filmisch in Szene gesetzt unterhält den Zuseher, ernährt den Redakteur und der Sender überbrückt prickelnd die Zeit bis zu den nächtlichen Quizsendungen. Eine spannende Umkehr der Rollen. Erst den erhobenen Zeigefinger, der überall hinzeigt und nur den eigenen Dreck vor der Fernsehtür gnädig übersieht.

Dramaturgen und Drehbuchschreiber haben Aristoteles. Der hat schon eine Menge gewusst über geschmeidige Handlungsabläufe und alles, was er nicht wusste, wissen wir seit Lubitsch und Wilder. „Boy meets Girl“ und das gelingt ihm dann auch. Nur kurz vor dem Happy-End, wenn das Popcorn dünn wird und die Cola schal, muss noch irgendwas passieren, weil es auch im Kino nicht zu leicht werden darf und sich der Zuschauer doppelt soviel freut, wenn er davor nochmals kräftig erschrickt.

Der klassische Held der aktuellen Pokerreportagen freut sich zur Freude des Privatfernsehens nicht mehr und schon gar nicht doppelt. Der Moloch Internet verschlingt alles was der Rest der Welt an Charakter noch übrig gelassen hat. Eigentlich hatte man das Leben im Griff, eigentlich war man erfolgreich und reich auch noch. Die Ehe war gut, Keyboards, Wohnungstüren und PC-Tische in tadellosem Zustand, wäre nicht da die süße Verführung Internet gewesen. Planetopia hat es uns mal wieder gezeigt. Keine Recherche kann oberflächlich genug sein und für ein wenig Gänsehaut zwischen den Werbeblöcken.

Abschließend noch ein paar Worte traurigsten Rolle in dieser Commedia dell´Poker. Wenn das Fernsehen ruft, ist stets ein Psychologe zur Stelle. Der kann zwar das Unerklärliche auch nicht erklären und dem Strauchelnden wohl auch nicht helfen, aber darum geht es wohl auch nicht, solange man sein Gesicht wohlfeil im rechten Kameralicht präsentieren darf.

Stefan Schüttler, ebenfalls vom Fach und trotzdem kompetent, hat in einem seiner Kommentare geschrieben: „Klar: Sucht ist ein Problem. Oder aber eine merkwürdige Lösung für ganz andere Probleme, über die man nicht sprechen will/kann?“. Und damit hat er es weise auf den tieferen Punkt gebracht. Wenn ein Opfer der Welt und seiner selbst der bunten Fernsehwelt eine traurige Geschichte erzählt, hat das etwas von einem missbrauchten Hilfeschrei. Bei aller Strenge mit meiner Zunft, aber dafür sind die Kollegen der privaten Stationen und Sender wirklich nicht zuständig. Die ziehen weiter, weil das Spiel weiter gehen muss und die Zeit knapp ist. Übrig bleibt ein Verlorener, dem kaum wer helfen wird, wenn die Kameras aufhören zu surren. Traurig und leider gar nicht merkwürdig in unserer merkwürdig oberflächlichen Welt.


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Kommentare


Stefan "vodoo" Schüttler
  • Stefan "vodoo" Schüttler
  • 19.08.08

Der Suchtkranke sollte sich selbst helfen oder dazu stehen. Wenn Pokersucht eine Lösung ist, dann meist auf der Beziehungsebene zu sich und anderen.

Statt das kleine Kind zu machen, das regelmässig klaut, in die Hose macht, oder sonstwie andere für das eigene Leid bestrafen möchte, sollte so ein Pokerspieler “Verantwortung” für sich übernehmen, und das öffentliche Jammern sein lassen. Erschreckend wie unterwürfig devot hier einer seine Rolle spielt oder lebt, nur im letzten Moment doch ganz sicher wieder loszuziehen und pleite nach Hause zu kommen. Gerade DAS ist doch das Spiel und der Zweck: sich und andere zu enttäuschen. Wäre es sexuell konotiert, würde der analytische Fachmann es pervers nennen. So wohl neurotisch bzw. borderline?

Gut, dieser Therapeut bzw. Psychiater und damit kein Psychologe, sondern Arzt scheint auch nicht viel mehr davon zu verstehen, dass er hier nur die Rolle des Zuschauers hat, der sich vergeblich abmüht, boxt, sonstige Spielchen macht, nur um zu Scheitern. Erstmal ein freundliches Lächeln, “ja, die Magnetwellen tun schon gut” um dann irgendwann als gescheitert sich erleben zu müssen.

Armseelig, sich mit solcher Statistenrolle sich sein Geld verdienen zu müssen.

Insofern ist der Beitrag schon wieder grandios.

Mit entsprechendem Blick sieht man ein Theaterstück erster Klasse: 2 Menschen, tief verstrickt, und ihr ganz persönliches Leiden. Was will man mehr? Obs dabei nun um Poker, Schnaps, Daddelautomaten oder Heroin geht – wo ist der Unterschied?

So zumindest habe ich das hier erlebt.

Übrigens ist auch der Beitrag davor auf Planetopia ein Ausrufezeichen wert:

Vorsicht! Blitze können sehr gesundheitsschädlich sein, vor allem, wenn sie im eigenen Kopf einschlagen. Happy Huh