Anders gesehen: Es leben die Pokermagazine!
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- Don Quijote, Mittwoch. 12. Dezember 2007
Das Zeitalter des Internets hat unsere Welt noch ein wenig schnelllebiger gemacht, als sie ohnehin schon ist. Umso erstaunlicher ist die Flut an Printmedien, die derzeit über die deutschsprachige Pokerwelt hereinbricht.
„Das Casino und Pokermagazin“, „Showdown“, „Poker Tribune“, Bluff Europe“ und jetzt auch „Royal Flush“. Fast nicht enden wollend ist die Liste der netten Heftchen, die uns mit Hochglanzpapier erfreuen wollen. Doch wer braucht denn tatsächlich noch eine Sammlung bedrucktes Papier? Horten wir sie, falls die Energiekrise über uns hereinbricht und wir etwas brauchen, um Feuer machen und unsere klammen Pokerfinger daran wärmen zu können?
Schon Tageszeitungen bringen die Nachrichten von gestern und gelten oft als nicht mehr aktuell. Bei Magazinen, die monatlich oder in noch größeren Abständen erscheinen, kann doch gar nichts aktuelles mehr drinnen sein. Sicherlich ist es nett, wenn man gemütlich auf dem Örtchen befindet, wo selbst der Kaiser zu Fuß hingeht, und man kann in einem Heft blättern. Oder mal die Gratis-Ausgabe im Casino durchblättern. Aber wirklich Geld dafür ausgeben?
Da die Verlage offenbar eine Marktlücke neu entdeckt haben, konnte ich natürlich nicht widerstehen und habe tatsächlich die Investition getätigt und mich durch die bunte Vielfalt geblättert. Doch mein Resumee ist kein Gutes. Denn eigentlich gab es nichts, was man nicht schon kennt und unbedingt für die Nachwelt festgehalten werden musste. Viele Bilder, die vom eigentlichen Inhalt offenbar ablenken sollen. Noch mehr Werbung, die einen noch auf ganz andere Gedanken bringen soll. Aber gute Artikel, die nach dem ersten Absatz auch noch lesenswert sind? Doch ja, den ein oder anderen gibt es. Nur leider sind es viel zu wenige.
In der guten alten Zeit konnte man es kaum erwarten, bis die nächste Ausgabe vom „Cardplayer“ endlich im Briefkasten war und man vielleicht den ein oder anderen guten Tipp von einem Profispieler nachlesen konnte. Jetzt sucht man die guten Strategieartikel fast schon vergeblich. Denn die publiziert jeder Spieler ohnehin schon auf seiner eigenen Blog- oder Affiliateseite. Berichte von den großen Turnieren gibt es zuhauf im Internet und sind drei Tage nach dem Sieg von XY schon wieder vergessen.
Lese ich mir Meinungen zu den neuen Magazinen durch, bin ich noch viel mehr erstaunt. Da ist man begeistert und überschlägt sich geradezu vor lauter Lob. Hochglanzpapier, Bilder und Werbung reichen aus, um den herkömmlichen Pokerspieler zu Lobeshymnen hinzureißen. Kritik? Die sucht man vergebens, vielleicht wenn ein bisschen zu viele Fehler oder zu viel Werbung im Magazin sind. Aber das war’s dann auch schon. Keine Erwartungshaltung, kein geistiger Anspruch und schon gar keine Qualität fordernd. Freunde der Pokerliteratur sind fast noch anspruchsloser wie Comic-Fans. Leider. Denn das lässt für mich nur einen Schluss zu und da bediene ich mich eines Wortes von Kollegen Marmorstein: „Pokerspieler sind Flachdenker“. Schade eigentlich.
Kommentare
















Sehr guter Artikel und trifft genau ins Herz. Unzählige Hochglanzfotos und Portaits, von diversen Olinerooms gepushten Super-Super Pros und viel zu wenige Tips und ratschläge und Erfahrungsberichte von den echten Kämpfern an Europas Tischen.
Mal ehrlich, wen erschüttert es denn noch wenn ein Super Pro mal 2-3 hundertausend $ beim Highstakes liegen lässt?? mich nicht mehr. dafür interessieren mich die Gedanken eines Otto normal Amateur/Pro bei der EPT am Tisch umso mehr.
Ty für den Artikel
Greetz Kottan
Aus der Seele gesprochen und genauso erging es mir gerade mit dem Royal Flush. Ist berreits der Name bereits nicht gerade eine Ausgeburt an Kreativität, so läßt auch häufig der Inhalt an Inovativem vermissen.
Vielleicht hat die gemeine Pokerwelt allerdings auch nichts wirklich anderes verdient?!, so vielleicht wirklich das etwas trübe Fazit.
Wer hier bei PO regelmässig liest, auch sonst interessiert die Augen offenhält, kann sich die Magazine wohl sparen, wobei wahrscheinlich ist das auch so gar nicht die Zielgruppe.
Offensichtlich richten sich Pokerfachmagazine entgegen manch blauäugiger Erwartung gar nicht an Fachleute in Sachen Pokerspiel, sondern vielleicht gerade an jene, die vorgeben, dies vielleicht mal werden zu wollen.
Ein Schachmagazin, das erstmal die Regeln erklärt, ein Fußballmagazin, das Abseits und Elfmeter erklärt – im Pokerbereich scheinen solche Banalitäten in “Fachzeitschriften” Gang und Gäbe ??!
Die Welt ist bunt, und ist jemand wirklich überrascht??
War das Selbstbildnis des zu dieser Zeit tauben Goya hier Absicht?
Wenn ich mir so überlege, wie denn ein für mich interessantes Magazin überhaupt aussehen könnte, dann sollte man es vielleicht tatsächlich eher den Online-Seiten überlassen, top-aktuell zu berichten, und sich stattdessen darum bemühen, ein Magazin mit dauerhaftem Wert zu schaffen. Dabei entstünde etwa eine Form, welche zwischen einem gängigem Magazin und einem Buch liegt. Mir persönlich würden dabei dann insbesondere Berichte aus der Offline-Pokerwelt am Herzen liegen. Eine Serie von Reportagen über Casinos im In- und Ausland etwa, mit schönen Fotos und vielen Details. Oder intensive Porträts von Spieler, mit Biographie, Interview und Strategieteil. Vielleicht könnte man es sogar ins Auge fassen, eine Ausgabe jeweils einem einzelnen Thema zu widmen, so dass letztendlich Hefte entstehen, die man immer wieder mal gerne in die Hand nimmt.
Lio
Den Kaiser hat man unterdessen auch schon mit einem internetfähigen Handy seine Porzellanpausen verkürzen sehen.