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Devilfish - Einmal Hölle und zurück

Im höllischen Tempo auf den Steilhang zurasen, um dann knapp vor dem Abgrund doch noch irgendwie abzubiegen, gehört zu den Dingen, die man sich besser ersparen sollte. Solche Szenen überlässt man den Jungs von der Stunt-Crew. Die haben das gelernt, tragen gepanzerte Strampelanzüge und kassieren dafür hoffentlich das große Geld. – Dave Ulliott alias „Devilfish“ hat sich bei den gefährlichen Sequenzen seiner Vita niemals doubeln lassen. Der hat sein halbes Leben zwischen Abgründen und Steilhängen höchstpersönlich und unbeirrbar gelebt. Das Gaspedal voll durchgetreten, ohne Angst und eigentlich ohne Chance. Aber irgendwie hat es Dave Ulliott geschafft. Irgendwie hat er im entscheidenden Moment den Überlebensknopf gefunden. Ist gerade noch abgebogen auf den wunderbaren Boulevard des Erfolges. Heute macht er das große Geld. Heute nennen sie Dave Ulliott weltweit und respektvoll „Devilfish“. Heute lässt er sich feiern und feiert auch gerne selber. Dort, wo die Musik laut ist und die Getränke und die Mädchen süß. Das hat er sich auch wirklich verdient, weil dieser Mann seinen gefährlichsten Feind längst besiegt hat – Sich selbst.

Anfang Dezember war es endlich wieder soweit. Hat lang gedauert seit dem letzten Turniersieg. Bellagio $ 2,000 NL Hold´em. Devilfish in Bestform und dann war auch der letzte Gegner besiegt, wie seinerzeit auf den Straßen von Kingston Upon Hull. Eine Viertelmillion Dollar, ein goldenes Armband, einen WPC-Titel und vor allen Dingen die Gewissheit, es noch richtig drauf zu haben, das Jonglieren mit den Turnierjetons. Das Warten auf den richtigen Moment des Angriffs und die Erfahrung zu wissen, wann man wegtauchen muss in den Schützengraben, um Kraft zu sammeln und den Granaten der Bad Beats auszuweichen.

In seinem Leben ist das Dave Ulliot nicht immer gelungen, auch keine leichte Aufgabe, wenn man 1954 in Kingston Upon Hull geboren wird. Der Nordosten Englands ist eine wirklich raue Gegend. Viel rauer als wir kontinentalen Weicheier uns das so vorstellen können. Und der übelste Ort in dieser üblen Ecke ist ganz sicher „Hull“. Die Stadt der harten Jungs, die es immer wieder schaffen, ihr Territorium in allen bösen Kriminalstatistiken an der Spitze zu halten. Ob Einbrüche, Raubüberfälle, Erpressung oder Delikte gegen Leib und Leben. Unangefochten ganz oben dabei ist „Hull“. Fast ein Jahrzehnt hat sich Dave Ulliott unter höchstem persönlichem Einsatz um die Pflege dieser Zahlen bemüht. Hat Tabakläden ausgeräumt, Safes geknackt und ist bei Buchmachern nächtens eingestiegen, um sich das Geld zurück zu holen, das er am Tag vorher verzockt hatte. Vor allen Dingen hat sich Dave Ulliott gestellt, wenn es sein musste und auch wenn es vielleicht nicht sein musste. Ganz egal, wie hart und gefährlich die anderen Jungs waren. Nur nicht weglaufen! Sich niemals davon stehlen, weil das sicher noch schlimmer wäre als gleich tot zu sein.

Diese Theorie hätte er beinahe gleich persönlich überprüfen können. Immer wieder haben ihn die zahlenmäßig übermächtigen Gegner niedergeschlagen und immer wieder ist Dave Ulliott aufgestanden. Schwer blutend, schwer gezeichnet, aber ungebrochen. Vielleicht hatte er diesen speziellen Kampf verloren, aber er hatte seine Angst besiegt. Für alle Zeit. – Was sollen ihn da heute am Turniertisch ein paar Tunten mit Kapuzen T-Shirt erschrecken, hinter deren zugegeben coolen Nicknames nichts steckt außer Langeweile und dem Talent, in der richtigen Spielsituation das Richtige zu tun. Ein Talent übrigens, dass dem jungen Dave Ulliott, lang bevor er zum „Devilfish“ wurde, nicht wirklich gegeben war. Gute Wetten auf schlechte Pferde, heute die Taschen voller Geld, am nächsten Tag mit der Goldkette ungeklärter Herkunft wieder beim Pfandleiher, damit das Leben weitergeht.

Bei diesem Tempo, bei diesem Hang, alle Kurven mit Vollgas zu nehmen, war es natürlich nur eine Frage der Zeit bis sein Talent endlich auch von den polizeilichen Stellen erkannt wurde. Mal verurteilt wegen diversen Einbrüchen, mal freigesprochen wegen bewaffnetem Raubüberfall. Dann wieder eingesperrt wie ein Hund, aber noch schlechter behandelt. Im Nordosten ist nicht nur das Leben hart, die Gefängnisse sind um ein vielfaches härter und Dave Ulliott hat sie selbstverständlich auf die gerade Art überlebt. – Aber es geht noch eine Nummer übler, man kann noch viel tiefer fallen und irgendwann war es wieder soweit. Da kam dieser Abend in diesem Nachtklub, den Dave Ulliott besser ausgelassen hätte. Wahrscheinlich wollte er nur feiern, weil ihm etwas selbstverständlich Verbotenes gelungen war, aber von irgendwo kam dann dieser Mann, der es unbedingt wissen wollte. Sofort, und man ist ja schließlich schnell draußen vor der Tür. So wie es sich auf der ganzen Welt gehört. Nur in Hull ist so ein Kampf vor einem Nachtlokal deutlich konsequenter. Der Verlierer kommt, wenn er Glück hat, rechtzeitig ins nächstgelegene Spital, der Sieger darf ins Gefängnis zur Weiterbildung. Aber das ist wieder auf der ganzen Welt das Gleiche. Diesmal Durnham. Zuchthaus ist ein Euphemismus für diese Anstalt. Die Kray-Zwillinge haben sie dort weggesperrt und „Mad“ Frankie Fraser. All die psychopathischen Granden aus der Gosse, die am Vormittag einen Mann töten lassen konnten und es am Nachmittag tatsächlich wieder vergessen hatten. Dave Ulliott hat seine Zeit in Durnham sicher bis heute nicht vergessen, was macht es ihm da schon aus, auf einem gepolsterten Casinosessel zu sitzen und zu warten, wenn man einmal gelernt hat, wirklich mit sich selbst klar zu kommen. Eingesperrt in einem kahlen Steinkäfig, alleine und 23 Stunden am Tag. Was schrecken einen da schlechte Karten, langsame Dealer und dumme Kellner. Dave Ulliott muss da in dieser Isolationshaft etwas erfahren und gelernt haben, das ihn auch im Geiste so stark und scheinbar unverwundbar gemacht hat.

Irgendwann war er dann wieder draußen. Nicht gebrochen, nicht einmal verbogen, einfach nur gelangweit und voll Tatendrang. Ist für einen Mann auch ein magisches Datum, wenn man dreißig wird. Statt dem falschen Pferd im falschen Rennen, diesmal die richtige Frau im richtigen Moment und was er dann im folgenden Jahrzehnt geschafft hat, macht Dave Ulliott wirklich einzigartig. Es sind ja schon mehrere Männer am Mond gewesen, und auch den Mount Everest ohne Sauerstoff zu besteigen, hört sich doch irgendwie langweilig an. Aus der Hölle Durnham über Hull- Leeds- Derby-London – immer der besten Pokerpartie hinterher – nach Las Vegas zu kommen und dort gleich einmal 1997 einen WSOP-Titel zu gewinnen, das hat keiner vor ihm geschafft und wir wohl auch keiner mehr schaffen.

Heute ist Dave “Devilfish“ Ulliott ein gemachter Mann. Reist durch die Welt, immer noch auf der Jagd nach dem hohen Spiel. Längst hat er sein eigenes Online-Casino. Sein Name ist eine Marke, alle Türen stehen ihm offen und viele Spieler sonnen sich in seinem Licht.
In einem der dutzenden Interviews der letzten Zeit hat ihn ein Reporter gefragt, was denn der größter Unterschied zwischen seinem damaligen und seinem jetzigen Leben sei. „Früher bin ich den ganzen Tag in den Wettbüros herumgehangen, jetzt schaffe ich es gerade mal, für fünf Minuten vorbei zu hetzen. Ein trauriges Leben. Wirklich wahr“ – Normalerweise fällt so etwas unter die britisch-kokette Art der Bescheidenheit. Aber bei Dave “Devilfish“Ulliott neigt man dazu, es zu glauben.

Kürzlich im Bellagio, nachdem der letzte Gegner besiegt war, wie seinerzeit in den Straßen von Hull. Aufgestanden ist er natürlich auch, als es geschafft war, vor sich die dicken Dollarbündeln zu einem Berg aufgeschlichtet. Von allen Seiten sind die Casinonasen und Schulterklopfer auf ihn zugestürmt und fast schien es Dave “Devilfish“ Ulliott ein wenig peinlich, dass man soviel Geld bekommt, dafür dass man ein paar Stunden bunt bedruckte Spielkarten in der Hand hält und das Richtige tut, wenn man doch eigentlich gelernt hat, solche Summen mit Stemmeisen und Schweißbrenner durch die Wand zu holen.

Irgendwann wird Dave “Devilfish“ Ulliott wieder ganz zurückkehren nach Hull, spätestens wenn er ein alter Mann ist. Wird das schrille Las Vegas und das schicke London für immer zurücklassen, samt seiner schicken Frisur und den schicken Anzügen, in denen er immer ein bisschen wie ein Fremder aussieht. Er wird mit den wenigen Kumpeln, die das alles überlebt haben, wieder den ganzen Nachmittag im Wettbüro herumhängen, und dann gehen sie ins Pub und trinken so lange lauwarmes grobes Bier, bis ihre Frauen doch wieder ein wenig wie Samantha Fox aussehen.

Und irgendwann wird Dave “Devilfish“ Ulliott runter gehen zum Hafen. Wenn die See rau und das Wetter mies sein wird, und dann gibt er vielleicht seinen berühmten Beinamen wieder zurück ans Meer. Weil der Teufelsfisch ist nur ein feiger hässlicher Stachelflosser, der sich im Schlamm der Meere versteckt. Dave Ulliott hingegen hat der ganzen Welt gezeigt, dass man die Kurve kriegen kann, auch wenn keiner mehr an einen glaubt. Und darauf wird er dann ein wenig stolz sein – Und wie ich meine, wirklich zu Recht.

Götz Schrage

Dave “Devilfish” Ulliot ist Mitglied im Team UBT

 


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Kommentare


Jakob Schlierer
  • Jakob Schlierer
  • 28.12.06

Sehr sympatisch finde ich ihn nicht. Geschmackssache.


Jan Gustafsson
  • Jan Gustafsson
  • 29.12.06

Götz, du bist komisch. Den netten Herrn Negreanu hassen und die fiesen Devilfishe und Matusows feiern? Die Gerüchteküche sagt jedenfalls, dass all diese Herren finanziell kein so gutes Jahr hatten. Schuld haben sollen Golfplätze, Tunten in Kapuzenpullovern und ein Stark ausgeprägter Hang zum sog. “3-barrel-Bluff” beim online Pokern….


Markus Golser
  • Markus Golser
  • 29.12.06

Es ist nicht immer so dass alles was im Internet oder in Zeitungen geschrieben wird richtig ist, darum möchte ich hier ein paar Zeilen berichtigen. Ich spielte jahrelang in Paris die High Limit Partien und lernte dort auch den Devil kennen, es entwickelte sich nach eingiger Zeit eine gewisse Sympathie darum kenne ich den Devil auch besser. Der Devil mag nicht jeden symphatisch sein, er ist ein Showmaster, wenn er auf einem Pokertisch sitzt ist er natürlich immer der Beste, wenn der Fish ein Lokal betritt ist für Stimmung gesorgt, was ich an dem Devil sehr schätze ist dass er immer hinter dem Recht steht und gegen Unrecht ist (bezieht sich nur auf dass Pokerbuisness)und er verteitigt dass wie es Götz Schrage in seinem Bericht über ihn geschrieben hat. Nur lieber Götz Schrage hat der Devil nicht im Gefängnis gerlernt wie man seine Neven in den Griff bekommt,stundenlang die schlechten Karten entsorgen dabei keinen Pot gewinnen und immer noch ruhig zu bleiben. Der Devil war einer der grössten Heissläufer die es im Poker je gab darum ging er auch x male flach, er stand wieder auf nahm die Fäuste hoch und kämpfte mit seinm blutenden Gesicht weiter (es war ein Genuss mit ihm am selben Tisch zu spielen ). Abschliessend noch ein Tip von mir, begeht keine Straftat um ins Gefängnis zu kommen um Selbstdisziplin zu lernen, bleibt am Pokertisch da funktioniert es auch.

Golser Markus


Goetz Schrage
  • Goetz Schrage
  • 30.12.06

Herzlichen Danke für die Kommentare.

@Markus. Gebe Dir wirklich Recht. Sich auf Internet und Zeitungen zu verlassen, wäre im konkreten Fall höchst unseriös und ganz sicher nicht der Stil der PokerOlymp-Redaktion. Da aber die ganze – nennen wir es – etwas düstere Vergangenheit von Dave“Devilfish“Ulliott in seiner autorisierten Biographie: „Swimming with the Devilfish“ von Des Wilson, erschienen im MacMillan Verlag 2006, mehr als bestätigt wird, halte ich den Teil der „Karriere“ für korrekt wiedergegeben. – Die Interpretation, wie etwas miteinander zusammenhängt, und warum jemand etwas erreicht, sich ändert usw., ist natürlich meine persönliche subjektive Meinung. Aber ich habe es mir nicht leicht gemacht und stehe zu meinem Artikel. Die erwähnte Biographie ist übrigens höchst empfehlenswert und nett zu lesen. Vielleicht ein kleines verspätetes Weihnachtsgeschenk?

@ Jan Gustafsson: Auch das ist ja das Schöne an unserer bunt zusammen gewürfelten PokerOlymp-Redaktion, die verschiedenen Meinungen und Vorlieben. Mich interessieren halt, wohl nicht ganz zufällig, mehr die düsteren Jungs. Außerdem glaube ich, um dich noch weiter zu verwirren, dass es beim Poker spielen auf Lebenszeit um viel wichtigere Dinge geht als um das liebe Geld. – Aber ich merke, das wird sonst ein eigener Artikel, ich breche besser ab und werde da mittelfristig einen Text basteln Spätestens dann werden mich sicher einige für einen Spinner halten, aber das halte ich aus. : )