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Mike Matusow – Ich liebe dich!

Jede Seifenoper braucht ihre bösen Jungs und jede Gemeinschaft bildet ihren eigenen Prototypen des „Bad Guys“. Mike Matusow ist wohl der beliebteste unbeliebteste Spieler unter den High Rollern. Dabei macht er nur seinen Job und den macht er wirklich gut. – Im Gegensatz zu mir. Ein Portrait sollte ich über Mike schreiben. Kritisch, fundiert und objektiv. In guter alter PokerOlymp Tradition. Stattdessen habe ich mich rettungslos verliebt. Kein Anspruch mehr auf Objektivität. Der pyknische Brillenträger mit dem Hang zu den vielen Worten hat mein Herz gewonnen. Statt einem Portrait gibt es eine verdeckte Laudatio.

Mike Matusow

Mike Matusow und sein Talent am Leben zu scheitern und trotzdem immer wieder aufzustehen. Dazu braucht man doppelten Mut, und ein Stück Wahnsinn schadet auch nicht wirklich. Wie alles anfing, man weiß es nicht genau. Wie aus einem verlorenen Automechaniker-Lehrling einer der talentiertesten und umstrittensten Spieler der High Limit Szene werden konnte, das ist eine spannende Geschichte. Irgendwann wird Hollywood seine Biographie verfilmen. Garantiert. Ich werde im Kino sitzen, mich an meinem Popcorn festhalten und heimlich eine Träne der Sehnsucht weinen. Selbstverständlich nur wenn es richtig dunkel ist.

Mike Mizrachi

Wobei, jetzt wo ich so darüber nachdenke, vielleicht sind wir schon mitten in diesem Film und keiner hat es uns gesagt. Vielleicht gibt es Las Vegas gar nicht wirklich und Jerry Fletcher hat mit seinen Visionen Recht? Und waren die amerikanischen Astronauten doch nicht wirklich echten Mond dort oben? – Nehmen wir einmal für einen Moment an, dass das so ist und wir sind schon mitten im Matusow Film. Wer ist dann der Regisseur? Steven Spielberg hat zuviel zu tun. Was bitte soll Woody Allen in einem Casino? Mel Brooks bleibt eigentlich nur übrig und wir sind schon mitten drinnen im Expose. Und da alle guten Mel Brooks Komödien jüdische Komödien sind, nehmen wir als Arbeitstitel: „Mazel Tov in Las Vegas“. Die kleine aber prominente jüdische Gemeinde unter den echten Las Vegas Zockern gibt ja mehr als genug her. Howard Lederer als arrivierter erfolgreicher Topspieler. David Sklansky als genialischer Analytiker und Verlagsbesitzer. Mike Mizrachi in der Rolle des Durchstarters. Annie Duke in einer Doppelrolle als Mama (vier Kinder) und erfolgreichste Spielerin im Circuit und Barry Greenstein als schweigsamer Gentleman. Nur der Fiesling würde noch fehlen. Josh Arie? Zu farblos, keine Chance.

Annie Duke

Und während die Rollen besetzt wurden, hatte Mike Matusow, wie es eben damals noch seine Art war, still und bescheiden gewartet. Seine Name wurde nicht aufgerufen, nicht einmal vorsprechen wollten sie ihn lassen. Irgendetwas muss dann passiert sein, Mel Brooks fand Gefallen an dem jungen höflichen Mann und ganz gegen seine sonstige Gewohnheit nahm er sich Zeit, um seine Entscheidung zu begründen: „Tut mir leid Matusow. Für dich haben wir keine Rolle in unserem Film. Wir brauchen noch eine spektakulär spannende Figur. Einen Verrückten, der ständig redet, jede Strip-Bar in ganz Nevada kennt. Sich alle chemischen Substanzen, die Gott und George Bush verboten haben, einwirft und trotzdem niemanden so sehr liebt wie seine Mutter. Für diese Rolle müssen wir einen Goi nehmen. Das kann kein richtiger Jude spielen. Leider!“ Aber Mike Matusow wollte nicht zurück in die ungeliebte Autowerkstatt, also nahm er seinen ganze Mut zusammen, hob die Hand wie zum Schwur und sagte folgendes: „Ich will die Rolle einfach haben. Gib mir eine Chance. Ich werde reden, schimpfen, huren, koksen und nochmals reden. Millionen werde ich gewinnen und doch wieder verlieren. Vielleicht gehe ich sogar ins Gefängnis dafür. Aber bitte lass mich doch mitspielen!“

Ob das wirklich so gewesen ist? Was weiß ein Fremder aus Wien? Eines ist gewiss, Mike „The Mouth“ Matusow hat sich an seinen Schwur gehalten. Ohne jetzt der Kritik vorgreifen zu wollen, fast könnte man sagen, er hat seine Rolle überinterpretiert. Auf der Hochschaubahn eines Spielerlebens sitzt er selbstverständlich unangeschnallt in der vordersten Reihe. Mal ganz oben, oft ganz unten. Aber immer unterwegs! Zwei WSOP Titel, 17-mal die bezahlten Ränge erreicht und trotzdem ständig pleite. Legendär sein Auftritt am Finaltisch des Main Events 2005. Gleich in der zweiten Austeilung mit Königen gegen Asse antreten zu müssen, ist auch nicht wirklich ein Glück. Dann zwar das Set im Flop zu treffen und gegen Backdoor Flush auszuscheiden, ist schon mehr als großes Pech. Zum 9. Platz hat es immer noch gereicht und Mike Matusow hatte wieder ein wenig Munition in der Tasche. Zur Freude der Bars und Buchmacher in der Stadt. Trotzdem eine stolze Leistung für einen Mann, der noch ein paar Monate vorher im Gefängnis saß. Verurteilt wegen Körperverletzung. Außerdem sollen der Verdacht auf Geldwäsche und Weitergabe illegaler Substanzen auch wenig hilfreich vor Gericht gewesen sein. Vom Gefängnis aus hatte es Matusow geschafft, sich mit geschickt platzierten Sportwetten komplett zu ruinieren. Wenn man nicht am Spieltisch seine Scheine verarbeiten kann, findet sich halt ein anderer Weg für „The Mouth“ um dorthin zu kommen, wo er sich wirklich auskennt. Ganz nach unten.

Mike Matusow

Wieder entlassen, war es angeblich Phil Hellmuth, der ihm mit einem $5000 Kleinkredit finanziell unter die Arme griff. Nach der WSOP 2005 hatte Mike dann mehr als eine Million zusammen. Selbstverständlich nur für kurze Zeit, schon alleine der Gewohnheit wegen und um seinen Ruf als lautester Geldvernichter der Pokerszene nicht zu verlieren. Wobei er partiell sehr wohl zu einer Lebensveränderung bereit war. Die immens teureren Sportwetten wurden durch Online Zocken substituiert. Eine wahrhaft kostspielige Neuorientierung. Legendäre Sitzungen auf den High Limit Tischen bei FullTilt Poker. Tage und Nächte ohne Schlaf, kaum noch einen virtuellen Dollar am Account, und irgendwann brachen wohlmeinende Freunde die verbarrikadierte Tür des Hotelzimmers auf und beendeten die Session mit Gewalt. Auch der Hang zur polytoxischen Eigenmedikation wurde nun mehr in die fachlichen Hände eines Psychiaters gelegt. Das war auch höchst notwendig. Antidepressiva statt Ecstasy und Diet-Coke statt des peruanischen Zeugs. Zum ersten Mal so etwas wie festen Boden unter den Füßen. Höchst ungewohnt für Mike Matusow. Sein bisheriger Rekord von gerade mal fünf drogenfreien Monaten aus dem Jahre 2003 schien ernsthaft in Gefahr. Wobei es doch auch einiges über seinen Lebenswandel aussagt, dass die besagten fünf Monate für einen lobenden Eintrag bei Wikipedia gereicht hatten. Zitat: „Matusow war zwischen Mai 2003 und September 2003 clean, aber nahm dann an einer exzessiven Alkohol und Speed-Party mit einer Stripperin aus Las Vegas teil“ – Diesmal wollte er mehr erreichen bei seinem Weg aus dem Sumpf. Nur selbstverständlich die Stripperinnen durften bleiben. Und sie blieben auch, zumindest solange noch Dollars da waren.

Wahrscheinlich ist es dieser Hang zur Unvernunft, der Mike auf sonderbare Art liebenswert macht. Besonders von der Ferne und wenn man den Ton abdrehen kann. Oder haben wir einfach Respekt vor ihm, weil Matusow soweit gekommen ist, ohne auch nur annähernd das Beste aus sich zu machen?

Ich jedenfalls habe beschlossen, Mike Matusow aus der Distanz zu lieben. Das ist besser und billiger. Außerdem würde es mit unser beider sexuellen Ausrichtung nicht funktionieren. Gerade weil ich den Hang zu puertoricanischen Tänzerinnen ohne große Anstrengung nachvollziehen kann. Aber irgendwann wird seine Prinzessin kommen. Reiche schöne Frauen lieben nun mal Looser, weil man die so wunderbar retten und aus der Scheiße ziehen kann. Vielleicht ist Nicole Kidmann bald wieder frei, oder Katie Holmes verlässt ihren anstrengenden Gartenzwerg. Einstweilen bleibt es uns von PokerOlymp nur vorbehalten, Mike Matusow das Beste zu wünschen. Möge es ihm gelingen sich selbst zu retten oder sich eben retten zu lassen. Möge der Große Regisseur da Oben ihn noch lange nicht zu sich nehmen. Ganz egal was „The Mouth“ da Unten noch alles anstellt. – Die Welt und Las Vegas ist mit Mike Matusow einfach ein wenig spannender und vielleicht sogar ein wenig schöner. Auf jeden Fall ist sie deutlich lauter. Und das mögen wir. Mazel Tov – Mike Matusow!

Götz Schrage


Kommentare


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  • leon
  • 13.12.06

Grossartiger Artikel! endlich wird auch auf pokerseiten unterhaltsam und gut geschrieben. nicht nur dieser gähnend langweilige und vor allem nichtssagende allerweltsbrei der anderen pokerpages. ich lese pokerolymp nur wegen dieser artikel (ich erinnere nur allzugerne über den horst wundertüte koch artikel)! Bravo! und vor allem: weiter so!!!


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  • Checker
  • 14.12.06

Kann mich Leon nur anschließen. Sensationelle “Schreibe” Eures Redakteurs. Bitte weiter so, lieber Götz Schrage !!!!!!


Michael Keiner
  • Michael Keiner
  • 15.12.06

Hallo Götz, Deine liebevolle Hommage an den mitleiderweckensten Pokerguru Amerikas, der nach seinen eigenen Worten “von Gott auserwählt ist”, hat mich bis in die tiefesten Abgründe meiner Seele erschüttert. Um die chronische finanzielle Bedrängnis unseres Superstars wenigstens ein klein wenig abzumildern, schlage ich die fixe Produktion eines TV Pokerevents mit dem Titel “Total krasse Helden” vor. Mit von der Partie sind dann noch Davood Mermand, Tony G., Phil Helmuth, Layne Flack sowie ein paar volltrunkene Skandinavier. Die Einschaltquote würde sämtliche Rekorde brechen.


Sigi Stockinger
  • Sigi Stockinger
  • 15.12.06

Superstory, Götz – Mike M. wird völlig unberechtigt zu den bad boys of poker gezählt !


Goetz Schrage
  • Goetz Schrage
  • 18.12.06

Herzlichen Dank einmal für die nette Wort. freut mich, wenn meine etwas verschraubten Gedanken ein paar Gleichgesinnte haben.

@ Michael. Selbstverständlich bedanke ich mich auch bei dir. Möchte aber doch ein wenig widersprechen. Ich sehe die Sachlage komplett anders, all die Bad Boys – sagen wir von Doc Holiday bis Stu Ungar (plus Mike Matusow) haben eine Art “Benefinz-Leben” für den Pokersport geführt. Jede Kultur und jede stabile Community, abseits der gesellschaftlichen Vorgaben, braucht ihre Subversion und die dazu passenden “Bad Boys” um überhaupt einen Platz zu finden und den auch zu behalten. Jede Single die “Tokyo Hotel” und Peter Maffay verkaufen, hat ein wenig mit dem (viel zu kurzen) Leben eines Jim Morrison und Keith Moon zu tun. – Der Erfolg von Poker wäre ohne dieses “speziellen Etwas” sicher nicht so möglich. Und so wird es auch bleiben. Welcher Pokerspieler wird nicht lieber von Phil Hellmuth beschimpft, anstatt sich mit Rolf Slotboom über Feuchtigkeitscreme für Männer zu unterhalten? – Liebe Grüße Götz