Eine Flasche Rotwein und eine gar nicht so teuere Nachhilfestunde
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- Marcel Luske, Montag. 15. Oktober 2007
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Manchmal muss man auch ein Duell annehmen. Von dem Geld was man liegen lässt kann man sich auf die Dauer auch kein Brot kaufen. Das letzte Mal habe ich ja geschildert, wie ich dem Jungen aus der Bar gerade nochmals entkommen konnte. Heute werde ich von einer doppelten Begegnung erzählen, die mir wohl immer in Erinnerung bleiben wird.

Es war bei den Amsterdam Classics und ist schon einige Jahre her. Der Turniertag war vorbei und ich wollte mal wieder Feierabend machen, vielleicht noch ein klein wenig Party machen oder nach Hause gehen.. Da kam dieser britische Gentleman auf mich zu – seinen Namen behalte ich diskret für mich – und stellte mir folgende Frage: „Sie können das gut, dieses No Limit Hold’em?“. – Was sagt man da? Ich wollte ja nicht unbescheiden wirken oder arrogant. „Geht so“ sagt ich: „Ist mir schon einiges gelungen bei dem Spiel“. Das freute mein Gegenüber offenbar (ich nenne ihn jetzt einfach „Joe“ – und werde ihn bei nächste Gelegenheit fragen, ob ich seinen richtigen Namen nennen darf).
Also Joe lächelte und fragte weiter: „Kann man also sagen, Sie können das Spiel und ein Duell um $10.000 würde Ihnen keine Angst machen“. Ich mag gerne diese geschraubte britische Sprache und $10.000 mochte ich auch gerne.
„Nein, macht mir prinzipiell keine Angst. $10.000 hört sich gut an. – Vielleicht ein anderes Mal“. Ehrlich gesagt wusste ich nicht genau, wo das hinführen sollte. Ich hatte schon solche Duelle gespielt, aber da war das diplomatische Vorspiel irgendwie anders. Irgendwie dachte ich, der will sich vielleicht einen Spaß machen, doch da packte er schon die entsprechenden Dollar aus der Tasche und sagte: „Super – Dann lassen Sie uns gleich beginnen. Ich will keine Zeit verlieren, weil ich muss das Spiel unbedingt lernen“
Jetzt hatte mich „Joe“ wirklich verblüfft: “Sie wollen das Spiel lernen? Zu dem Tarif? Ist das eine gute Idee?“ „Klar ist das eine gute Idee. Man hat mir gesagt, Sie können das gut und wo bitte soll ich dann sonst lernen?“ Langsam fiel mir auch ein, woher ich das Gesicht kannte. Dass er Brite war, merkte man natürlich an der Sprache: In London hatte ich ihn gesehen am hohen Omaha-Tisch, gespielt hatten wir noch nie.
„Aber ich bin auch schon ein wenig müde und es bleibt dann nicht bei den $10.000. Dann möchten Sie eine Revanche und dann noch eins und so weiter. Das kann dann wirklich teuer werden.“ Joe schien fröhlich, irgendwie glaubte er seinem Ziel nahe zu sein. Er hatte es ja tatsächlich geschafft, mich neugierig zu machen und mit dem nächsten Satz hatte er dann endgültig mein Herz gewonnen: „Das macht nichts. Geld habe ich ohne Ende. Können wir jetzt bitte spielen“. – Bei dem Satz „Geld ohne Ende“ hatten zwei andere Briten, die unserer Unterhaltung gelauscht respektvoll und bestätigend genickt.
Also Karten her. Dealer her – die Schlacht konnte beginnen!
Wie alle Omaha-Spieler war „Joe“ zu sehr auf der Suche nach Nuts. So hat er am River oft mit Karten gecheckt, mit denen ich noch alle Chips reinstelle. So war das Duell keine gefährliche Angelegenheit für mich. „Joe“ wollte ein zweites und dann ein drittes und nach $50.000 war es dann genug für ihn: „Vielen Dank. Es war mir eine Freude und ich weiß jetzt, dass ich noch einiges lernen muss“. Die Briten sind oft so unglaublich höflich. Ich stand also auf, versichere ihm, dass es mir auch eine Freude gewesen sei und betonte sein Talent und sagte halt alles, was man so sagt.
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Einige Jahr später. Nicht dass ich diese Begegnung vergessen hätte, denn $50.000 sind viel Geld, nur ich hatte es nicht mehr ganz so präsent in meiner Erinnerung. Während eines WPT-Events in Las Vegas, als ich gerade den Spielsaal des Bellagios betrat, kam ein sichtlich aufgeregter und gut angezogener Spieler auf mich zu. Erst wusste ich nicht, wohin ich das Gesicht tun sollte, aber als er den Mund aufmachte, fiel es mir gleich wieder ein. „Herr Luske, gut dass Sie da sind. Ich könnte ein klein wenig Ihre Hilfe brauchen. Natürlich nur, wenn es Ihre Zeit erlaubt“. Und dann erzählt er wie er „quasi unabsichtlich“ das NL Hold’em Main Event geentert hatte. Eigentlich dachte ich, bräuchte ich gar nicht mehr zuhören, weil ich glaubte, ganz sicher zu wissen, wie die Story endet. Entweder hatte er dann mit Marvin Hagler um $100.000 ein Duell im Boxring gestartet oder doch vielleicht High Stakes Joggen mit Carl Lewis? Irgendwann käme dann garantiert ein Satz mit „Bitte Geld leihen“. Und ich war schon am rechnen, wie viel mich diese Unterhaltung vorübergehend kosten würde: Dann war er auch fast fertig und verblüffte mich dann doch mit dem folgenden Finale seiner Geschichte: „….. und jetzt bin am Finaltisch und weiß nicht was ich machen soll“.
Bald hatte ich meine Fassung wieder: „Sie sind am Finaltisch des WPT NL Hold’em?“ Schon leicht ungeduldig nickte der sonst so höfliche „Joe“: „Ja, habe ich doch gerade genau erzählt, ich habe unglaublich viel Glück gehabt und jetzt bin ich da und weiß nicht weiter“ Hätte ich doch mal besser zuhören sollen. Aber egal, meine eigentlichen Pläne warf ich über den Haufen und war ab jetzt tatsächlich sein Coach.

Ob er in Amsterdam bei der etwas teueren Nachhilfestunde etwas gelernt hat, wage ich nicht zu behaupten, aber hier konnte ich ihm definitiv helfen. Einige Spieler am Tisch kannte ich und von den restlichen machte ich mir rasch ein Bild. Wir besprachen die Strategie. Ein kurzer Crash-Kurs in Stack-Management und in den Pausen gab es immer ein kleines Update und selbstverständlich diskrete Anfeuerungen.
Zum Sieg hat es leider nicht gereicht, aber ein ehrenvoller zweiter Platz und Preisgeld von fast einer Million Dollar. Als „Honorar“ hatte ich mir eine Flasche exzellenten Rotwein ausgehandelt. „Joe“ wollte zwar eine Kiste springen lassen, aber ich war mit einer Flasche zufrieden. Jetzt wo ich darüber nachdenke, habe ich mir die immer noch nicht abgeholt. – Ein Grund mehr, wieder bald nach London zu fahren. Und was ich dort erlebe gibt es dann selbstverständlich hier bei PokerOlymp zu lesen.
Kommentare















Danke!
Wunderbare Geschichte, hervorragend, authentisch erzählt. Macht Spaß…
Wer wissen will, wie der Brite heißt: www.pokerpages.com/tournament/result14234.htm
Das war das einzige Event der WPT in Las Vegas, bei dem ein Engländer den 2. Platz belegt hat.
naja Michael, so ganz korrekt ist das mit dem einzigen Engländer nicht, und er hat auch nicht im Bellagio den zweiten Platz gemacht.
Und da Marcel den Namen aus Diskretion nicht nennen will, vielleicht ist ja doch das ein oder andere Detail ein wenig abgewandelt, damit es nicht ganz so einfach herauszubekommen ist, wer denn sein Schüler war.
und ich dachte er hätte den Namen des Casinos aus Diskretion geändert