Schachspieler und das Pokerspiel

Schachgroßmeister sind eine seltsame Spezies. Sie verdienen ihren Lebensunterhalt mit Schachspielen und ihr Arbeitsalltag sieht in etwa so aus:

Dieses Wochenende ein Einsatz in der österreichischen Liga. Nächstes Wochenende Deutsche Bundesliga. Danach geht es weiter zu einem offenen Turnier in Griechenland, das 10 Tage dauert. Die nächsten 3 Wochen sind frei, bis auf einen Auftritt in der holländischen Mannschaftsmeisterschaft. Zeit also zum Nichtstun und um an neuen Strategien zu feilen, die dann bei der anstehenden Mannschaftseuropameisterschaft zum Einsatz kommen sollen.

Kein schlechtes Leben eigentlich. Viel reisen, viel Freizeit, das Hobby zum Beruf gemacht… Dennoch lichten sich die Reihen gerade der westeuropäischen Schachprofis in den letzten Jahren zusehends.

Zum einen wird man mit Schach nicht reich. Wer nicht zu den Top 10 der Welt gehört, kann zwar über die Runden kommen, mehr aber nicht. Zum anderen wird die Konkurrenz aus Osteuropa und Asien immer jünger und besser, das Internet eröffnet neue Trainingsmöglichkeiten, das Reisen ist für alle einfacher geworden… So ist es keine Ausnahme, dass sich bei einem 10tägigen Turnier 30 Schachgroßmeister um den ersten Preis von 2000 Euro streiten. Wer gewinnt, kann zufrieden sein, aber der Rest…

Ich bin im reifen Alter von 27, Schachgroßmeister und Mitglied der deutschen Nationalmannschaft. Und komme mir häufig vor wie ein Schach-Veteran, der dem Ansturm der Jugend nicht mehr gewachsen ist… Ich bin nicht allein, und so kommt es, dass sich die Schachprofis und natürlich auch sonst Schachspieler aller Couleur begeistert auf das Pokerspiel stürzen. Geld verdienen, ohne den bequemen Lebensstil aufzugeben, dies Perspektive reizt. In der Schachszene gibt es einen riesigen Pokerboom. Im PokerOlymp-Team haben wir mit Toni, MartinV und meiner Wenigkeit gleich drei Schachspieler.

Sind Schachspieler denn nun überhaupt geeignet, gute Pokerspieler zu werden?

Für uns spricht sicher der analytische Ansatz. Ernsthafte Schachspieler sind es gewohnt, sich mit Literatur zu beschäftigen, das eigene Spiel verbessern zu wollen und allgemein nach dem richtigen „Zug“ in jeder Lage zu suchen. Dies verschafft gerade bei niedrigeren limits einen „automatischen“ Vorteil und erlaubt es den meisten, ihre Pokerkarriere erfolgreich zu beginnen.

Schwer fällt aber vielen, mir erst recht, die psychologische Komponente. Als Schachgroßmeister ist man es nicht gewohnt, zu verlieren. Und man ist es gewohnt, dass sich gutes Spiel sofort auszahlt, nämlich dass der bessere Spieler gewinnt. Wenn es nun aber „bad beats“ hagelt und der Fisch den Tisch mit mehr Glück als Verstand dominiert, ist es wahnsinnig schwer, dies zu akzeptieren. Die „Tilt“ Gefahr ist daher wohl noch höher als beim „normalen“ Pokerspieler. Natürlich ist dies auch Wesensache, aber die Erkenntnis, dass ein Spiel mit hohem Glücksfaktor, inkompletter Information und der Möglichkeit zu Bluffen halt doch etwas anderes ist als das „ehrliche“ Schach, kann dauern.

Es ist daher wohl kein Zufall, dass man bisher in der Pokerwelt mehr von Ex-Backgammon Spielern wie Gus Hansen hört, als von (Ex) Schachspielern. Aber wir werden kommen! Verfolgen Sie die Berichterstattung auf PokerOlymp.

Zum Abschluss noch eine kleine Geschichte über einen der prominentesten Schach-Pokerspieler, den russischen Top-10 Schachgroßmeister Alexander Grischuk. Dieser hatte im Internet einen Startplatz für die World Series of Poker 2005 in Vegas gewonnen und machte sich nun auf zur russischen Botschaft, um sich ein Visum zu besorgen. Der Beamte fragte ihn, was er denn in Vegas vorhabe. „Ich spiele die Pokerweltmeisterschaft!“ Daraufhin wurde sein Pass misstrauisch beäugt, und der fleißige Botschaftsmitarbeiter entdeckte vom letzten Monat ein Visum für Tripolis, Libyen. „Was haben Sie denn in Libyen gemacht?“ Grischuk antwortete wahrheitsgemäß: „Dort habe ich an der Schach-Weltmeisterschaft teilgenommen.“

Dies war nun doch zuviel. „So, so, Sie spielten also letzten Monat die Schach-WM, und nun fahren Sie zur Poker-WM? Wer’s glaubt…“ Grischuk erhielt kein Visum, und die World Series musste ohne ihn stattfinden.

Jan Gustafsson

Kommentare


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Fisch
  • Fisch
  • 10.05.07

Vielleicht etwas zu misstrauisch.

Bei mir lief es anders herum. Ich spielte erst Poker und dann habe ich angefangen mich noch näher mit Schach zu beschäftigen. Und obwohl man durch Poker ja auch viel Strategie lernt ist es zum Schach doch ein großer Schritt.



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